Essstörung – Sucht als Routine

Meine Annahme war bisher, dass mein Binge Eating daher kommt, dass ich mich nicht mit unangenehmen (oder auch angenehmen) Gefühlen beschäftigen möchte. Über die Jahre ist in meinem Gehirn der Lernprozess entstanden, dass ich esse bzw. nicht esse, wenn ich von den in mir ausgelösten Emotionen flüchten möchte. Es gibt natürlich noch viele kleine andere Auslöser für Fressanfälle, aber das sah ich als Hauptpunkt an.

Nun hatte ich letzten Freitag ein Seminar, indem ein Suchtexperte uns Studierenden die Mechanismen hinter Suchtverhalten erklärt hat. Er hatte den Ansatz uns zu vermitteln, dass viele Dinge in Bezug zu psychischen Erkrankungen nicht so sind, wie sie im ersten Moment scheinen. So sieht er Suchtverhalten nicht (nur) als eine Art Coping-Strategie, die Menschen anwenden, die emotionale oder kognitive Defizite aufweisen (so wie es auch von vielen Psychotherapeuten angenommen wird), sondern er betonte immer wieder, dass „ganz normale“ Menschen Suchtverhalten entwickeln.

Sucht ist ein biologischer Prozess und irgendwann wird unser Suchtverhalten nur noch von unserem Belohnungssystem gesteuert (natürlich vereinfacht gesprochen). Es wird ein automatischer Prozess, gegen den wir uns schwer währen können. Er nahm hier den Vergleich mit einer Tüte Chips. Versucht mal nur eine Hand voll Chips ganz langsam(!) zu essen! Selbst, wenn man es schafft nicht gleich die ganze Tüte zu essen, so werden die meisten vermutlich Probleme haben jeden Chip nach und nach einzeln in den Mund zu stecken und genüsslich zu kauen. Chips sind wie Suchtmittel gemacht. Sie werden absichtlich so hergestellt, dass man ihnen nicht wiederstehen kann.

Auf jeden Fall bin ich nach diesem Vortrag mit der Erkenntnis nach Hause, dass mein Essverhalten reines Suchtverhalten ist (das wusste ich vorher schon) und es oft einfach Routine ist. Das hat sich für mich auch dadurch bestätigt, dass ich auch an diesem Abend wieder außer Kontrolle gegessen habe, obwohl es mir richtig gut ging (nicht so, dass ich mit dem guten Gefühl nicht klar gekommen bin – glaube ich zumindest). Weiterlesen „Essstörung – Sucht als Routine“

Wenn plötzlich die Diagnose „Persönlichkeitsstörung“ im Raum steht

Ich habe in einem meiner letzten Beiträge geschrieben, dass ich mich eventuell wieder auf die Suche nach professioneller Hilfe begebe. Und das habe ich gemacht! Erstaunlich schnell habe ich Termine für Erstgespräche bei einer tiefenpsychologisch orientierten (TP) und einer Verhaltenstherapeutin (VT) bekommen. Eigentlich wäre mir ja tiefenpsychologisch lieber gewesen, weil ich bisher immer Verhaltenstherapie gemacht habe und mir vielleicht ein anderer Therapieansatz neue Perspektiven zeigen kann. Aber ich wurde auf vielerlei Ebenen von dieser Therapeutin enttäuscht.

Ich studiere Psychologie und das ist in einer Psychotherapie Fluch und Segen zugleich. Einerseits gehen gerade die formalen Geschichten viel schneller über die Bühne, weil mir nicht erklärt werden muss, wie das Ganze funktioniert. Auch kann ich mit Fachbegriffen (gerade aus der VT) viel anfangen. Andererseits ist es seltsam, wenn man merkt, welchen Ansatz ein Therapeut gerade an einem anwendet und man merkt auch sehr schnell, wenn ein Therapeut nicht professionell (oder zumindest nicht nach den formalen Kriterien) vorgeht. Und genau das ist mir passiert.

Ich war zwei Mal bei dieser TP-Therapeutin und was mich gestört hat war, dass sie zu impulsiv reagiert. Sie selbst sagt von sich, sie sei direkt. Ich finde da gibt es einen Unterschied. Gerade, wenn Menschen das erste Mal in eine Psychotherapie kommen sind sie meist ängstlich, wissen gar nicht, was sie hier eigentlich tun und brauchen positive Verstärkung von den Therapeuten. Ich sage nicht, dass man diese vorsichtige Umgangsweise später in der Therapie beibehalten muss. Da sehe ich das sogar eher als Hindernis. Manche Patienten brauchen einen Tritt in den Hintern, um in die Gänge zu kommen. Und auch mir würde später eine direkte Art nicht schaden. Großes aber: Erst wenn man als Therapeut weiß, was das therapeutische Verhalten im Patienten auslöst, kann man „härter“ mit diesem umgehen.

Zwei Beispiele für dieses impulsive Handeln: Weiterlesen „Wenn plötzlich die Diagnose „Persönlichkeitsstörung“ im Raum steht“

Ermutigung und Entstigmatisierung – unser Tischkalender „Tag für Tag – gemeinsam stark“

Ich habe bereits in der Vergangenheit mit den beiden wunderbaren Menschen Mia (von www.mias-anker.com) und Michaela (von www.happy-kalorie. de) den Bevor-ES-Award kreiert sowie ein Video für It gets brigther gedreht. Nun haben wir mit unserem neuen Projekt versucht etwas zu erschaffen, was ein ganzes Jahr Ermutigung und Freude bereitet [Werbung]:

Wir haben einen Tischkalender für 2019 gestaltet!

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Diesen Kalender haben wir jedoch nicht alleine gemacht. Wir haben uns Unterstützung geholt von neun weiteren wunderbaren Bloggern, Instagramern und YouTubern. Alle versuchen über psychische Erkrankungen aufzuklären, sprechen über ihre eigenen Erfahrungen und wollen damit anderen Menschen helfen. Für den Kalender haben wir sie gebeten uns ihren Lieblingsspruch zu verraten, damit wir euch jeden Monat einen motivierenden Spruch präsentieren können. Danke, an alle, die mitgemacht haben!

Tag für Tag – gemeinsam stark

Dieser Kalender ist für dich! Mit dem Kauf, bekommst du nicht nur jeden Tag eine Erinnerung nicht allein zu sein – egal, ob du an einer psychischen Erkrankung leidest oder nicht – sondern auch eine hübsch gestaltete Ermutigung für 2019! In dem Kalender steckt sehr viel Herzblut, die Bilder und Schriften sind handgezeichnet und wir drei wollen dir eine Kleinigkeit an die Hand geben, die dich im kommenden Jahr etwas unterstützt. Den Erlös wollen wir in weitere Projekte zur Prävention, Entstigmatisierung und Aufklärung psychischer Erkrankungen stecken. Wir haben noch viele Ideen! 😉

Sichere dir gleich einen unserer Kalender über diesen Link: https://www.happy-kalorie.de/shop/

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Gewinne einen von fünf Kalendern

Als kleines Vorweihnachtsgeschenk verlose ich hier und auf Instagram (@julialebenswelt) fünf unserer Tischkalender! Beantworte um teilzunehmen, hier im Kommentarfeld einfach folgende Frage:

Was ist dein Lieblingsspruch und warum?

Auch Mia und Michaela haben Gewinnspiele am Laufen. Wenn du auch ihre Fragen beantwortest, erhöhst du deine Gewinnchancen! Das Gewinnspiel endet am 06.12.2018 um 18 Uhr. Mehr Informationen findest du hier: Teilnahmebedingungen des Gewinnspiels

Natürlich kannst du auch einfach gleich im Shop einen unserer Kalender bestellen!

Ich freue mich schon sehr auf eure Antworten und bedanke mich schon jetzt bei jedem einzelnen, der einen oder mehrere unserer Kalender kauft! Wir wollen mit diesem Projekt unserem Ziel, psychische Erkrankungen leichter zugänglich zu machen sowie darüber aufzuklären, näher kommen und es würde uns die Welt bedeuten, wenn du uns dabei unterstützt! ❤

Link zum Shop: https://www.happy-kalorie.de/shop/

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Ein Date mit mir selbst? – die Angst alleine Dinge zu unternehmen

Wie ihr vielleicht wisst, bin ich ja vor Kurzem umgezogen (schwer zu übersehen, wenn ihr meinen Blog lest, weil ich in jedem Beitrag darüber jammere). Dieser Umzug hat es mir nochmal um einiges schwerer gemacht mein ohnehin schon sozial mangelhaftes Leben darauf auszurichten, zumindest manchmal mit anderen Menschen etwas zu unternehmen.

Und da ich wahrscheinlich lange darauf warten kann, dass ich ein soziales Umfeld habe, dass mit mir regelmäßig Dinge unternimmt, was vor allem an mir selbst liegt (aber das ist ein anderes Thema), habe ich mir schon oft überlegt das Ganze selbst in die Hand zu nehmen. Ich möchte mehr Dinge alleine machen!

Das beginnt schon bei ganz einfachen Dingen wie einfach mal über die Straßen der Innenstadt zu flanieren. Ich wohne mittlerweile bestimmt sechs Wochen hier und war noch nie richtig in der Innenstadt, weil ich alleine nichts unternehme. Ich habe immer darauf gewartet, dass andere die Initiative ergreifen oder, dass ich Besuch habe, um mir selbst mal meinen Wohnort zu zeigen. Das war schon immer so. Und ich bin leider eine Person, die sehr festgefahren ist bezüglich mancher Verhaltensweisen. Von der gesellschaftlichen „Regel“, dass man Unternehmungen im Normalfall mit anderen durchführt, spreche ich hier noch gar nicht.

Dabei bin ich eigentlich gar keine Person, die immer Menschen um sich herum braucht, um sich wohlzufühlen. Das Problem ist, dass ich mich jedoch in Situationen, wo ich mich aus meiner Komfortzone hinaus bewege, so unsicher fühle, dass ich andere Menschen als Schutz brauche oder glaube diese zu brauchen. Das ist das eine Problem. Weiterlesen „Ein Date mit mir selbst? – die Angst alleine Dinge zu unternehmen“

„Ich war depressiv!“ vs. „Ich bin depressiv!“ – Warum wir den Mut finden sollten unseren Mund aufzumachen, wenn es uns schlecht geht

„Also vor 10 Jahren war ich in einer richtigen Krise! Ich hatte Depressionen, keine Freunde, keine Hoffnung und ohne meinen Therapeuten hätte ich diese Zeit nicht überstanden! Es ist ein Wunder, dass ich heute hier vor dir stehe!“

Was würdet ihr gegenüber einer Person empfinden, die euch das erzählt? Würdet ihr Bewunderung verspüren? Diesen Menschen als stark beschreiben? Würdet ihr es vielleicht arrogant finden?

Also ich wäre definitiv im Team Bewunderung! Wenn jemand durch eine harte Zeit gegangen ist und trotzdem nicht aufgegeben hat, finde ich das toll und sehr stark! Was wäre jedoch, wenn man dieses ganze Szenario in Präsens setzen würde? Wenn es der Person jetzt nicht gut gehen würde? Meine Gefühle gegenüber der Person würden sich wandeln – wahrscheinlich in Mitleid und ich hätte das Bedürfnis ihr helfen zu wollen!

Das was ich hier beschreibe ist ein Kern-Problem der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen und durch eine kürzlich geführtes Gespräch ist mir erst klar geworden welch große Rolle das in meinem Leben spielt.

Es gibt viele Menschen, die versuchen durch ihre Erfahrungen anderen Menschen zu helfen, die gerade in ähnlichen Situationen sind. Auch ich möchte gerne eine solche Person sein. Das Problem? Ich kann nicht sagen, was ich gemacht habe, damit es mir besser geht, weil es mir noch nicht besser geht. Weiterlesen „„Ich war depressiv!“ vs. „Ich bin depressiv!“ – Warum wir den Mut finden sollten unseren Mund aufzumachen, wenn es uns schlecht geht“

Sportunterricht – Futter für meine Essstörung

Ich war immer eines dieser Kinder, das Sportunterricht gehasst hat. Nicht, weil ich unbedingt unsportlich war. Nein, ich war in manchen Disziplinen besser als die meisten Kinder, was nicht zuletzt auch daran lag, dass ich ein recht großes Kind war, im Vergleich zu den anderen. 😉

Aber es gab auch sehr viel im Sportunterricht, was ich absolut nicht mochte und wo ich auch richtig schlecht war. Dazu zählten z.B. die meisten Ballspiele, in denen es meist um weglaufen und gefangen/getroffen werden ging. Dieses, sorry, doofe Hin und Hergerenne fand ich nicht nur sinnlos, ich war dabei auch immer so nervös, weil ich mein Team nicht enttäuschen und perfekt sein wollte.

Hier haben wir schon den Kernpunkt erreicht: Dadurch, dass ich in allen anderen Fächern in der Schule eine absolute Einser-Schülerin war, wollte ich das natürlich in Sport auch sein. Aber das war ich nicht, was für mich der Antrieb war diesen Makel zu verstecken. Ich bin fleißig und engagiert, sozusagen makellos – Schwäche zu zeigen kam absolut nicht in Frage. Diese Denkweise hört sich nicht nur anstrengend an, sie war es auch.

Was hat das Ganze jetzt mit meiner Essstörung zu tun? Nach meiner erstmaligen Erkrankung mit 11 Jahren, habe ich bis heute nie wieder in meine gesundes kindliches Körpergefühl gefunden. Ich verstecke seit dieser Zeit meinen Körper in weiter Kleidung und bei Bewegungen hatte ich immer Angst, dass die Leute um mich herum noch mehr meinen fetten Körper wahrnahmen als, wenn ich mich sitzend in der letzten Ecke verstecke.

Diese körperliche Unsicherheit zeigte sich natürlich auch im Sportunterricht. Vor allem als ich von der 5.-8. Klasse Schwimmunterricht hatte. Heute macht mich dieser Gedanke seht traurig, dass ich als 12-jähriges Mädchen hier nur einen Gedanken hatte: So schnell wie möglich ins Wasser, damit niemand meinen hässlichen Körper sieht. Heute war ich, glaube ich, seit vier oder fünf Jahren nicht mehr schwimmen, weil ich immer noch fürchte, was Leute von mir denken (und auch ich selbst), wenn ich mich in Badeklamotten zeige.

Der andere Punkt ist, dass mich Sport mit meinen Mitschülern noch mehr an meinem Körper zweifeln ließen. Zum einen wollte ich mich und meinen Körper selbst gar nicht spüren, zum anderen konnte ich mich immer mit anderen vergleichen – mit deren Körpern und deren Leistung. Ich fühlte mich bei jeder Bewegung unwohl, weil ich nicht wahrgenommen werden wollte wie ich meinen ungeschickten, unsportlichen und ekelhaften Körper bewege.

Trotzdem habe ich am Sportunterricht immer teilgenommen (außer als ich so stark im Untergewicht war, dass es mir verboten wurde). Schließlich wollte ich eine gute Schülerin sein – nein, eine perfekte. Ich mache den Sportunterricht weder für meine Essstörung verantwortlich, noch dafür, dass ich bis heute keinen Spaß an Sport habe. Ich erkenne auch erst rückblickend, was sich hier bei mir immer abgespielt hat.

Etwas, was ich mir vom Sportunterricht gewünscht hätte, wäre, dass nicht nur Team-Sportarten im Fokus stehen, sondern auch andere sportliche Aktivitäten ausprobiert werden. Ich erinnere mich z.B., dass eine Vertretungslehrerin mal mit uns Yoga gemacht hat. Das fand ich viel angenehmer! Klar, es ist mehr Arbeit für den Lehrer vorzuturnen als bei einem Ball-Spiel daneben zu stehen, aber es ist doch u.a. die Aufgabe des Lehrers Freude an der Bewegung zu vermitteln und hier sollten auch die individuellen Bedürfnisse der Schüler beachtet werden.

Was ich mir für die Zukunft wünsche ist, dass ich lerne meinen sich bewegenden Körper zu akzeptieren und ihn wieder fühlen zu können (wollen?). Dass geht im Moment sehr schwierig und wenn ihr irgendwelche Tipps habt, bin ich sehr dankbar! Denn die Tatsache, dass ich meinen Körper in Bewegung nicht ertrage, ist nicht nur Futter für meine Essstörung, sondern zieht auch ihre beiden Geschwister Depression und Angst mit ins Boot.


Wie habt ihr damals den Sportunterricht gefunden? Hattet ihr Spaß oder wolltet ihr, dass es so schnell wie möglich wieder endet? Ich bin gespannt auf eure Antworten!


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Wie ich die Beziehung zu meiner Mutter zerstöre

Es gibt nur einen Menschen auf dieser Welt, mit dem ich ehrlich bin und während ich diese Worte schreibe, fällt mir auf, dass selbst das nicht 100% stimmt. Ich versuch es nochmal: Es gibt nur einen Menschen auf dieser Welt, mit dem ich ehrlicher bin als mit allen anderen: meine Mutter. Und selbst das war nicht immer so.

In meiner Familie wurde nie groß über Gefühle gesprochen oder darüber wie es einem geht. Das fällt mir natürlich erst rückblickend auf und ist absolut kein Vorwurf an irgendjemanden. Jeder ist wie er ist aufgrund seiner Vergangenheit. Trotzdem ist es eine Scheinwelt, die mir vorgespielt wurde, in der man nur positiv sein darf und Ängste oder Zweifel wenig Platz haben. Oder so empfand ich es zumindest. Wenn ich mich tatsächlich mal geöffnet habe, habe ich immer Unterstützung von meiner Mama bekommen – uneingeschränkt. Meine Mutter war immer für mich da und ist es immer noch. Das kann nicht jeder von sich behaupten und dafür bin ich sehr dankbar.

Meine Mama war immer eine starke Frau. Es gab, zumindest nach außen hin, nichts mit dem sie nicht fertig geworden wäre. Bis ich krank wurde. Ich erkrankte mit 11 das erste Mal an Magersucht und in dieser Zeit habe ich sie wütend gesehen und ich habe sie weinen gesehen. Zwei Dinge, die ich vorher nicht wirklich von ihr kannte. Das hat mich auf der einen Seite wachgerüttelt, was ich tatsächlich mit meinem Verhalten anrichte, aber andererseits auch erschreckt, weil ich gesehen habe, dass auch meine Mama unter großer Last brechen kann. Weiterlesen „Wie ich die Beziehung zu meiner Mutter zerstöre“