Bedürfnisse verwechseln – Dialog im Kopf #3

Hier geht´s zu Dialog #1 und Dialog #2.

Ich komme nach einem langen Tag müde nach Hause.

KOPF: Jetzt brauchst du erst mal etwas zu essen, zum Entspannen, zum Runterkommen! Lass mal nachsehen, was noch alles so an Essen da ist!

ICH: Aber ich hab doch gar keinen Hunger. Ich bin einfach nur total erschöpft und müde.

KOPF: Aber du brauchst auch Entspannung. Und aus Erfahrung weißt du, dass dich nichts so sehr beruhigt wie Essen.

ICH: Ja, aber das funktioniert doch nur kurzfristig. Wenn ich zu viel gegessen habe geht es mir nachher schlecht, körperlich und psychisch.

KOPF: Aber wir machen das schon seit Jahren so: Wir kommen nach Hause und das erste, was wir machen ist etwas zu essen.

ICH: Aber ich habe doch das Bedürfnis mich hinzulegen. Essen wird das Bedürfnis nicht stillen.

KOPF: Tja, wenn du meinst. Versuch es! Leg dich hin und währ´ dich gegen meine Gedanken!

Ich lege mich aufs Bett, kuschle mich unter die Decke und versuche mich auf meinen Atem zu konzentrieren. Doch ständig stören mich Gedanken:

KOPF: Jetzt liegst du da. Entspannt es dich? Ich weiß, dass du trotzdem gerne essen würdest. Komm schon! Jetzt hast du etwas anderes probiert, hast dich hingelegt, und siehst, dass es nichts bringt. Steh auf und iss!

ICH: Nein, ich bin stärker als du! Du willst mir nur schaden.

KOPF: Steh auf und iss! Steh auf und iss! Steh auf und iss!

Die Gedanken werden übermächtig. Ich kann mich nicht mehr währen. Langsam stehe ich auf und gehe in Richtung Küche…

3 Gedanken zu “Bedürfnisse verwechseln – Dialog im Kopf #3

  1. Pingback: Negatives Spiegelbild – Dialog im Kopf #1 – Mein Leben als Psycho

  2. Karo

    Hallo liebe Julia,

    genau diesen Ablauf kenne ich nur all zu gut! Der Beitrag könnte 1 zu 1 von mir geschrieben sein. Ich habe so ein starkes Bedürfnis nach Entspannung und Ruhe und alles was die innere Stimme will ist ESSEN! Ich habe gerade diese Woche eine solche Situation gehabt. Ich habe mich zusammen gerissen und bin in den Wald spazieren gegangen. Der ganze Wald hat förmlich nach Essen gerufen. Als ich mir dann endlich die Erlaubnis gegeben habe zu essen, wäre ich am liebsten nach Hause gerannt. Dort hab ich dann eine ganze Packung Kekse gegessen, um diese „Stimme“ endlich zu beruhigen. Jetzt liegt es an mir, trotzdem gut mit mir umzugehen und mich nicht dafür zu verurteilen. Oft esse ich auch aus Langeweile. Ich versuche der Langeweile/Routine meines Lebens zu entfliehen und mir durchs Essen Glücksgefühle zu erschaffen. Ich bin übrigens 34 Jahre und beschäftige ich mich schon seit ca meinem 10. Lebensjahr mit dem Thema Essen. Es hat früh für mich eine Beschützer/“Gut-Fühl-Funktion“ übernommen und hat mich oft getröstet. Leider habe ich mich danach immer schlecht gefühlt und ich habe Ärger mit meiner Mutter bekommen, dass ich der Familie alles weg essen würde. Dadurch ist in mir ein sehr negatives Selbstbild entstanden. Dabei wollte meine Seele sich selbst nur helfen. Es ist echt ein Teufelskreis. Jetzt arbeite ich schon viele Jahre daran, mich auch durch andere Dinge zu beruhigen/mir etwas Gutes zu tun. Jedoch rutsche ich immer wieder in diese Verhaltensweise ab. Ich denke, dass es auch ein Stück weit normal ist, sich mit Essen abzulenken bzw sich etwas Gutes zu tun. Ich bin perfektionistisch und stelle sehr hohe Ansprüche an meinen Körper. Daher hat mich der Wunsch nach Veränderung/Perfektionierung meines Körpers (abnehmen, straffer werden usw) seit frühester Kindheit begleitet. Ich habe immer viel Sport betrieben. Oft aus Ablehnung meines Körpers. Jetzt versuche ich jedoch, Sport immer mehr als etwas zu sehen bzw zu betreiben, das es meinem Körper gut tut. Ich finde es nicht leicht, mit dem Thema Essen locker und unbefangen umzugehen, da es immer mehr Raum in unserer Gesellschaft einnimmt. Für manche ist es wie eine Art Religion. So nach dem Motto:“ Du bist was du isst.“ Auf Grund meiner perfektionistischen Verlangung wechseln sich bei mir Phasen, das absoluten gesund Essens und des „Fressens“ ab. Herzlichen Dank für deine Arbeit und deinen Blog. Du sprichst mir aus dem Herzen. Fühl dich umarmt und gedrückt.
    Herzliche Grüße
    Karo

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo liebe Karo!

      Vielen Dank, dass du deine Erfahrungen geteilt hast. Es tut mir in der Seele weh zu lesen, dass du auch solche Probleme mit dem Essen hast. Das wünsche ich wirklich niemanden. Und es ist für mich erstaunlich zu lesen (wenn auch absolut nicht erfreulich), dass ich genau dasselbe Problem habe wie du. Ich weiß sehr viel, was den Hintergrund meiner Essstörung betrifft. Zum Beispiel weiß ich, was meine Essstörung aufrecht erhält und was ich dagegen tun sollte. Manchmal schaff ich das dann auch zu tun, aber manchmal wird der Drang in einem so stark, dass man sich nicht mehr währen kann/will (?).

      Es ist wirklich traurig wie in unserer Gesellschaft mit Essen umgegangen wird. Wie du schreibst – es ist eine Art Ersatzreligion begleitet von der Meinung, dass man nur „gut“ ist, wenn man einen perfekten Körper hat.

      Ich wünsche dir auf jeden Fall alles alles Gute und dass du irgendwann frei sein kannst von all diesen Gedanken!

      Liebe Grüße
      Julia

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