Mitgefühl mit einem Mörder

Im Rahmen meines Psychologiestudiums (Ich merk gerade, dass mein Blog momentan ein bisschen psychologielastig ist ;).) gibt es an meiner Universität eine Zusatzveranstaltung, die sich „Forensische Psychiatrie“ nennt. Das System dahinter ist Folgendes: Ein realer juristischer Fall wird von einem Rechtsanwalt vorgestellt, sowie von einem Psychiater und einer Psychologin behandelt. Ziel des Ganzen ist es ein ärztliches Gutachten für den Probanden im vorgestellten Fall zu erstellen. Das Besondere daran? Der Proband ist vor Ort anwesend und erzählt selbst über seine Situation. Ich denke ihr könnt euch vorstellen wie gierig die Studenten darauf sind „echte“ Verbrecher zu sehen.

Wem dieses System übrigens moralisch bedenklich erscheint, steht nicht allein da. Auch ich bin der Meinung, dass dies eine Art des Vorführens ist und selbst durch Zustimmung des Probanden nicht unbedenklich ist. Aber ich bin eben auch nur ein Mensch und müsste Lügen würde ich sagen, dass ich eine solche Vorlesung nicht spannend finde. Und derjenige, der das leugnet ist meiner Meinung nach die personifizierte Güte oder einfach nicht ehrlich zu sich selbst.

Aber zurück zum Thema: Der an diesem Tag vorgestellte Fall, liegt zwar schon etwa 15 Jahre zurück, hat mich aber dennoch zum Nachdenken gebracht. Ich werde nicht zu genau, auf die Situation des „Verbrechers“ eingehen, da ich nicht finde, dass das auf diesem Blog was verloren hat. Nur so viel zum Verständnis: Der Mann kam damals als Flüchtling nach Deutschland und ist in einem Asylheim aufgrund einer damals diagnostizierten Psychose mit einem Messer auf Mitbewohner losgegangen. Eines der Opfer hat diesen Angriff leider nicht überlebt. Aufgrund seiner psychischen Erkrankung wurde der Mann in einer forensischen Psychiatrie untergebracht, wo er sich bis heute befindet. Nun sollte ein neues Gutachten erstellt werden.

Wir hatten es also mit einem waschechten Mörder zu tun. Was zuerst sehr abschreckend wirkt, verliert diesen Schrecken zunehmend, wenn man diesen Menschen vor sich sitzen sieht. Im Gespräch mit dem Psychiater hat der Mann seine Situation geschildert. Er hat erzählt wie andersartig er sich schon in seinem Heimatland vorgekommen ist. Er hat immer wieder gesagt, dass er im Vergleich zu anderen mit Defiziten zu kämpfen hatte, was es ihm erschwerte ein angstfreies Leben zu führen. Diese subjektiv vorhandene Kluft erschien ihm bei seiner Ankunft in Deutschland größer denn je. Er schilderte, wie minderwertig er sich fühle und sogar von Mitbewohnern im Asylheim gemobbt wurde. Er schilderte unter Tränen seine Tat, die er aus Rache begangen hatte. Denn er wollte sich umbringen und davor seinen Mobbern noch ihre gerechte Strafe mitgeben.

Vielleicht klingt es merkwürdig. Aber als dieser Mensch von all seiner Verzweiflung erzählte wurde ich traurig. Ich wollte ihn so gerne in den Arm nehmen und zeigen, dass zumindest irgendjemand für ihn da ist. Dass das nicht professionell wäre weiß ich und auch, dass man nicht jedem Menschen trauen kann. Doch mir wurde in dem Moment bewusst, dass ich nicht einmal einen Mörder für seine Tat verurteilen kann. Er wurde ein Opfer seiner Umstände und hat in diesem Moment falsch gehandelt. Jeder handelt mal falsch, nur war es in seinem Fall besonders schwerwiegend.

Ich befürworte hier keinesfalls Verbrechen oder gar Mord. Ich will mit diesem Text nur sagen, dass kein Mensch von Grund auf böse ist, dass wir oft nur unsere eigene Perspektive sehen und gerade bei einem schweren Verbrecher gar nicht erst versuchen dessen Lage zu verstehen.


Was ist denn eure Meinung dazu? Was haltet ihr von einer solchen Veranstaltung?

Ich wünsche euch allen ein schönes Wochenende! ❤

Autor: Lebenswelt

Herzlich willkommen in meiner Lebenswelt! Ich bin Julia (21) und in meinem Leben habe ich schon die Diagnosen Magersucht, Binge Eating, Depression und soziale Phobie bekommen. Momentan lebe ich nur noch mit „Restsymptomen“ dieser Krankheiten und beginne das Leben wieder zu genießen. Auf meinem Blog schreibe ich über meine Erfahrungen mit psychischen Krankheiten, versuche mit Vorurteilen aufzuräumen, Wege zu einem gesünderen Leben zu finden und ich berichte über alles, was sich in meiner Lebenswelt so abspielt. Werdet inspiriert und motiviert ebenfalls euren Weg zu finden und euch selbst zu akzeptieren! Denn eure Lebenswelt ist lebenswert!

14 Kommentare zu „Mitgefühl mit einem Mörder“

  1. Von solch vorgeführten Veranstaltungen halte ich nicht viel. ABER ich weiß, dass hinter jedem auch noch so grausamen Mörder ein Mensch steht, ein Mensch mit einer Vorgeschichte und ja, auch mit Gefühlen (auch wenn man das vielen nicht zu traut). Ich habe fast 10 Jahre lang einem „Mörder“ im Gefängnis besucht, einem „Mörder in vier Fällen und mit besonders schwere der Schuld“. Gesehen habe ich ich einen hochsensiblen und sehr intelligenten Menschen, der mit 12 Jahren auf die Straße ging, weil sich seine Eltern scheiden ließen und er mit dem neuen Partner der Mutter nicht auskam. Auf der Straße kam er dann mit allem in Berührung, Gewalt, Drogen, Waffen, Sex. Mit 18 kam dann die „Tat“ in deinem „Banden-Krieg“. Verurteilung 25 Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Er wurde nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt, weil er sich besonders intelligent gab und somit meinte, eine geringere Strafe zu bekommen. Inzwischen ist er 50. Ich will nicht seine Tat irgendwie beschönigen oder kleinreden, sondern, dass man manchmal auch hinter die Fassaden schauen muss. Und ob sich seine Eltern bewusst waren, was sie bei einem 12jährigen Jungen anrichten können?

    Gefällt 2 Personen

    1. Genau das meine ich! Es ist für mich echt schwierig jemanden für etwas zu verurteilen, wenn man seine Geschichte kennt. Trotzdem ist mir natürlich bewusst, dass er etwas Schlimmes angestellt hat. Alles Liebe, Julia 💜

      Gefällt mir

  2. Nun, ich neige auch dazu, mich in viele Menschen hineinversetzen zu können, sogar zu müssen und eben instinktiv nach Gründen zu suchen, die ihre schlechten Handlungen rechtfertigen. Ja, ich suche sogar nach Rechtfertigungen für jene, die mir schlechtes tun, anstatt ihnen einfach mal „nur böse sein“ zu können.

    Und ja, ich bin immer wieder am überlegen, wie schlecht/böse der Mensch „von Natur aus“ ist und denke manchmal mit Grauen daran, dass auch Kinder sehr grausam sein können und dass Mobbing schon im Kindergarten anfängt. Klasse 1A ist grundsätzlich verfeindet mit Klasse 1B und die Zweitklässler schauen mit Herablassung auf die ABC-Schützen. So setzt sich das fort und fort.

    Aber andererseits – jene die andere quälen, unterdrücken, ausgrenzen – sind sie von Natur aus und nur schlecht? Aktueller Fall: die Kindergärtnerin, die in einem Berliner Kindergarten Kleinkinder ans Bett fesselte, wenn sie nicht schlafen wollten und Essen in den Mund stopfte, wenn sie nicht essen wollten. Ist sie von Grund auf schlecht? Wenn nicht? Wie ist es dazu gekommen, dass sie das tat, was sie tat? Warum hat niemand eingegriffen?

    Ein Buch, ein Fachbuch, dass ich Dir und jedem anderen auch, sehr ans Herz legen kann, ist Christopher R. Browning: „Ganz normale Männer“ über ein SS Bataillon, das sehr aktiv an der Ermordung tausender Menschen beteiligt hat. Das waren „ehrenwerte Männer“, vor dem Krieg und nach dem Krieg, und doch verhielten sie sich unter bestimmten Umständen wie Bestien. Kann jede und jeder von uns zu solcher Bestie werden?

    Du siehst – das Thema treibt mich um, seit Jahrzehnten schon (und dabei bin ich noch gar nicht mal soooo alt!)

    Was Deine Veranstaltung betrifft, fehlt mir die Information über die genauen Umstände, wie reißerisch das Thema behandelt wird. Wie ist die Vor- und Nachbereitung? Wie werden die Menschen, die Täter, „präsentiert“? Je nachdem kann es gerade bei Studierenden der Psychologie zu einer ganzen Menge an Verständnis und dem Training des Perspektivwechsels kommen.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke liebe Agnes für dein ausführliches sehr interessantes Kommentar!

      Ich glaube die Frage, ob der Mensch von Grund auf böse ist oder nicht beschäftigt schon seit Jahrhunderten.

      Zu der Veranstaltung: Es wird versucht alles möglichst sachlich zu vermitteln und der Straffällig wird auch nicht als Sensation angekündigt. Und klar hast du recht, dass natürlich auch ein lehrreicher Aspekt dabei ist.

      Trotzdem stoße ich mich an manchen Punkten, zum Beispiel dass keiner der Studenten eine Schweigepflichtserklärung abgeben muss. Außerdem sträubt sich in mir immer noch etwas, wenn Menschen auf solche Art „präsentiert“ werden. Naja, ist halt ein zweischneidiges Schwert.

      Alles Liebe, Julia 💜

      Gefällt 1 Person

  3. Hallo Julia,
    Zuerst einmal: ich mag deinen Blog so gerne, da ich ja selbst auch Psychologie studiere. Und als du von der Veranstaltung geschrieben hast, kam mir zuallererst der „wow wie cool, warum haben wir sowas in der Uni nicht?“-Gedanke. Aber andererseits sind mir zum Beispiel auch Patientenseminare in der klinischen Psychologie immer suspekt gewesen, die ich sowohl aus Patienten- als auch aus Studentensicht kennen lernen durfte. Ich finde man wird als Student da manchmal leicht überheblich, und als Patient fühlt man sich wie eine Attraktion im Zoo…
    Und trotz allem denke ich, dass vor allem durch solche Veranstaltungen in der Uni oder andernorts ein Verständnis für psychische Krankheiten (und in diesem Fall damit einhergehenden Straftaten) gefördert werden kann.

    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo!
      Vielen Dank! Das freut mich sehr, dass dir mein Blog gefällt! ❤

      Es ist genauso wie du schreibst: Auf den ersten Blick wirkt es total interessant, weil man sowas normalerweise nicht zu sehen bekommt und natürlich ist es im Studium auch wichtig etwas prakisnähere Erfahrung zu sammeln.

      Trotzdem bleibt bei mir ein unguter Beigeschmack, weil wie du schreibst, die Menschen als Art Attraktion dargestellt werden.

      Alles Liebe, Julia ❤

      Gefällt mir

  4. Auch ein Mörder ist ein Mensch und nicht ausschließlich Mörder. Mitgefühl zu haben, bedeutet ja nicht, dass man diese Tat entschuldigt. Meist sind diese Menschen einst Opfer gewesen. Auch das bedeutet nicht, dass man die Tat entschuldigen soll. Aber vielleicht ist (neben der Bestrafung) auch Hilfe angesagt.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für deine interessanten Gedanken zum Thema! Zusätzlich Hilfe zu bekommen anstatt nur eine Strafe ist sicher hilfreich. Es bleibt dann halt immer noch die Frage inwieweit sie dann bereit sind zu kooperieren…
      Alles Liebe, Julia 💜

      Gefällt mir

  5. Ich kenne da ein schönes Zitat. Jeder Heilige hat eine Vergangenheit und jeder Schuldige eine Zukunft. Eine schlimme Erfahrung, Kindheit, Jugend können eine Erklärung sein. Keine Entschuldigung. Es ist wichtig zu verstehen, wie Mörder gemacht werden, um es zu verhindern. Vergebung ist etwas, was nicht nur dem Täter hilft. Es gibt den Opfern frieden. Ich bin Opfer, ich habe vergeben. Und mich befreit. Doch es gibt Menschen, die morden ohne tiefen Hintergrund, Psychopathen etc. Auch Hitler hatte eine schlimme Kindheit. Eine Erklärung, doch mindert es niemals die Schuld. Wie könnte es auch.
    Solche Bestien sind eher ein Zeichen, dass eine Gesellschaft krankt. Und daran kann man arbeiten. Mitgefühl ist sicher nobel, gerade wenn der Mord oder die Tat aus Verzweiflung geschah. Es gibt hier keine allgültige Antwort. Kein Schwarz, oder Weiß. Ein Bruder bringt den Vergewaltiger der Schwester um? Ist der Mord dann weniger schlimm?

    Gefällt 1 Person

    1. Danke liebe Alice! Deine Worte lassen mich noch einmal mit einem etwas anderen Blick auf die Sache blicken. ‚…dass, die Gesellschaft krankt.“ finde ich sehr gut ausgedrückt!
      Ich wünsche dir einen schönen Abend! Julia 💜

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s