Beschau psychisch Kranker zur Unterhaltung!? Eure Meinung?

Zugegeben ein sehr überspitzter Titel, aber so empfinde ich tatsächlich manchmal das Szenario, welches ich euch gleich beschreiben werde.

Ich hab ja schon in Mitleid mit einem Mörder darauf hingewiesen, dass ich nicht mit allen Veranstaltungen meines Psychologiestudiums ganz einverstanden bin. Wurden dort Verbrecher „vorgeführt“ gibt es noch eine solche Vorlesung, wo sich ähnliches abspielt.

Und zwar findet diese Vorlesung in einer Psychiatrie statt. An sich ja noch nicht so schlimm, denn das ist eine Uni-Psychiatrie, wo neben der Patientenbehandlung auch Forschung und Lehre einen großen Stellenwert haben. Grundsätzlich geht es in dieser Vorlesung darum uns unterschiedliche psychische Störungsbilder näher zu bringen.

Und das läuft dann wie folgt ab: Die Dozentin erzählt anhand ihrer Folien Hintergrund, Entstehung und Behandlung von sagen wir mal Schizophrenie. Dann fragt sie ins Plenum, ob wir einen Patienten mit Schizophrenie sehen möchten. Ich denke ihr könnt euch vorstellen, dass Bacherlor-Studenten ohne Praxiserfahrung scharf darauf sind ein „Lehrobjekt“ mal live zu sehen. Zum einen ist der Unialltag eh sehr theoretisch, zum anderen ist es doch der absolute Hammer eine echte „gestörte“ Person zu sehen! (#achtungironie)

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by pixabay

Die Dozentin geht und macht sich praktisch auf die Suche nach einem Freiwilligen, der bereit ist sich von über 100 Augenpaaren begaffen zu lassen. Der Patient nimmt dann vorne auf einem Stuhl Platz. Die Dozentin setzt sich gegenüber und fragt. Es wird so eine Art Anamnese simuliert. Im Anschluss können die Studenten Fragen stellen.

Haben alle das Interesse an dem Patienten verloren (die Aufmerksamkeitsspanne von Studenten ist um 17 Uhr nicht mehr allzu groß) verabschieden wir ihn mit Applaus. Sobald er aus Sichtweite verschwunden ist, beginnt das Getuschel.

Ich denke meine Meinung zu dieser Veranstaltung ist schon leicht durchgedrungen ;). Als selbst Betroffene stelle ich mir immer vor wie ich mich da vorne hinsetzen würde und erzähle. Ich würde mich wie auf dem Präsentierteller fühlen und wie die Attraktion des Tages vorkommen. Wie im Mittelalter, wo die „Abartigen“ auf Jahrmärkten vorgeführt werden.

Ich weiß, dass es natürlich auch positive Seiten gibt. Als Psychologiestudent ist es natürlich wichtig auch praktische Erfahrung zu sammeln und man lernt bestimmt am meisten, wenn Betroffene selbst berichten, wie es ihnen geht. Und ich müsste lügen, würde ich sagen, dass ich es nicht interessant finde. Aber kann das nicht auch in einer kleineren sichereren Atmosphäre passieren?

Und klar, die Patienten müssen zustimmen. Aber ich hatte schon oft das Gefühl, dass sich manche die Situation anders vorgestellt haben, wirkten sie doch sehr überfordert von dem großen Publikum. Eine Sache, die mich auch noch stört ist, dass niemand von uns eine Schweigepflichterklärung abgeben musste. Das heißt theoretisch sind wir dazu verpflichtet, aber mehr als einen mündlichen Hinweis gab es nicht. Es soll sogar tatsächlich schon vorgekommen sein, dass Studenten das Ganze mitgefilmt haben.

Alles in allem finde ich das Ganze eine sehr ambivalente Veranstaltung. Ich glaube, aber dass ich es besser finde, würde sie nicht auf eine solche Art stattfinden.


Was ist eure Meinung dazu? Sagt mir doch, was ihr davon haltet? Findet ihr es ok, dass Menschen zu Lehrzwecken „gezeigt“ werden?

Habt noch einen schönen Sonntag! ❤

Autor: Lebenswelt

Herzlich willkommen in meiner Lebenswelt! Ich bin Julia (21) und in meinem Leben habe ich schon die Diagnosen Magersucht, Binge Eating, Depression und soziale Phobie bekommen. Momentan lebe ich nur noch mit „Restsymptomen“ dieser Krankheiten und beginne das Leben wieder zu genießen. Auf meinem Blog schreibe ich über meine Erfahrungen mit psychischen Krankheiten, versuche mit Vorurteilen aufzuräumen, Wege zu einem gesünderen Leben zu finden und ich berichte über alles, was sich in meiner Lebenswelt so abspielt. Werdet inspiriert und motiviert ebenfalls euren Weg zu finden und euch selbst zu akzeptieren! Denn eure Lebenswelt ist lebenswert!

20 Kommentare zu „Beschau psychisch Kranker zur Unterhaltung!? Eure Meinung?“

  1. Hallo,
    also ich war mal Anschauungsmaterial für Studenten. Im anderen Rahmen. Das fand ich eindeutig gut, den Rahmen, den du beschreibst allerdings empfinde ich als äußerst fragwürdig.
    Als ich zur DBT in der Klinik war, fragte mich der Leiter der Klinik, ob ich in einer kleinen Runde von angehenden Psychiatern mich befragen wollen lassen würde.
    Ich stimmte zu, da ich gerne zum Thema Borderline, damals meine Hauptdiagnose, aufräumen wollte.
    Somit saß ich bei Kaffee und Gebäck mit 20 Studenten und dem Leiter beisammen. Über die Krankheit wurde schon aufgeklärt, ohne mich. Somit fragen die Damen und Herren zu meiner Geschichte (ohne Trauma) zum klinischen Werdegang, und wie ich bestimmte Symptome wahrnehme. Es wurde gefragt, was Ärzte leisten müssen, was bei mir gut und weniger gut seitens der Ärzte war.
    Es war ein sehr respektvoller Umgang. Ich fühlte mich werde vorgeführt, noch gedemütigt. Ich war froh, angehende Profis noch so manches mit auf dem Weg geben zu können. Da ich ja auch mal einen Arzt hatte, der zu mir sagte „Stellen sie sich nicht so an, mit dem Master- Abschluss wird alles wieder gut sein.“
    Was es ja nicht wahr. Somit war ich sehr froh. Auch gingen wir alle typischen Borderline Symptome durch, die fachliche Sichtweise und meine Wahrnehmung. Vor allem wie ich Kontakt bei Dissoziationen wahrnehme. Was ich überhaupt noch wahrnehme. Es war sehr interessant und hat mir auch geholfen.
    Ergo finde ich es gut, wenn Studenten sich Patienten mal anschauen. Der Rahmen sollte aber nicht so sein, wie du es beschrieben hast.

    Herzlichst Alice mit Kopfklatsche

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    1. Danke liebe Alice, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst! Da stimme ich dir zu. Ich verurteile ja nicht an sich, dass Studenten Kontakt zu Patienten haben. Das ist ja auch sehr wichtig! Aber wie du schreibst, sollte das auf eine respektvolle Art und Weise passieren. Zuhörer und Erzählender sollten sich meiner Meinung nach auf Augenhöhe befinden und das kann nur in einem kleineren Rahmen passieren.
      Alles Liebe, Julia 💜

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  2. Ein schwieriges Thema.
    Aktuell bin ich in einem Uniklinikum in Behandlung. Bei der Aufnahme bekamen wir Patienten ein Formular, auf dem vermerkt war, dass an der Klinik eben auch Medizinstudenten ausgebildet werden und dass es darum sein kann, dass in der Visite oder bei verschiedenen Therapieangeboten Studenten als Zuschauer dabei sind. Zudem kann man gefragt werden, ob man wie auf die von dir beschriebene Weise zu Vorlesungen oder Seminaren der Studenten einen Beitrag leisten möchte oder an aktuellen Studien teilnehmen will. Natürlich ist nichts davon verpflichtend, wenn es einem z.B. unangenehm ist, dass die Studenten in der Visite dabei sind, kann man sie auch bitten, so lange rauszugehen.

    Meine Gefühle diesbezüglich sind ambivalent. Einerseits finde ich es, da selbst Studentin, wenn auch in einem anderen Fachbereich, sehr gut, wenn den Studius die Möglichkeit geboten wird, Praxiserfahrungen zu sammeln. Eine Freundin von mir studiert Medizin und da sie sehr an psychologischen und psychiatrischen Themen interessiert ist, haben wir uns immer wieder mal über meine Erkrankungen unterhalten. Für sie war das hilfreich, weil die Perspektive einfach eine andere ist, wenn man mit „echten Menschen“ spricht, die von der jeweiligen Erkrankung betroffen sind als alles nur auf theoretischer Ebene zu lernen. Für mich war es auch eine spannende Erfahrung zu sehen, was lernen die angehenden Ärzte/innen jetzt eigentlich genau und vielleicht ein wenig zum besseren Verständnis von z.B. Zwangsstörungen beitragen zu können.

    Ob ich mich aber trauen würde, vor zig Studenten im Rahmen einer Vorlesung über meine Probleme zu sprechen, puh … Ich weiß nicht, ob die Angst und Scham da nicht doch zu groß wären bei mir.

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    1. Danke liebe Nelia für deine interessanten Gedanken zum Thema! 💜 Ja, du hast vollkommen recht. Studenten sollten unbedingt Kontakt zu Menschen haben, mit denen sie in Zukunft arbeiten. Das wäre ja auch irgendwo verantwortungslos Uniabsolventen, ohne die geringste Erfahrung, auf die Leute loszulassen. Woran ich mich stoße, ist die Art wie es gemacht wird. In kleinem Rahmen, z.B. wie du schreibst bei einer Visite, hat das alles eine ganz andere Atmosphäre. Aber so wie die Attraktionen des Tages vor Studenten geführt zu werden (auch, wenn man sich dazu bereit erklärt) lässt mich an dieser Veranstaltung zweifeln.
      Hab noch einen wunderbaren Restsonntag! Grüße, Julia 💜

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  3. Hallo, warum stellst du nicht diese Frage dem jeweiligen „Vorgeführten“ Partienten?

    Der „magische Moment“ wo der „psycho“ aus dem Hut gezaubert wird, scheint bei dem ein oder anderem Student den Respekt und Empathie gegenüber dem Patienten vergessen zu lassen. ( stichwort: tuscheln, nach dem tosenden Applaus )

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    1. Den Patienten zu fragen wär natürlich eine Option, aber ich glaub nicht, dass ich mich das vor allen anderen traue und nach der Vorlesung ist er schon weg…

      Ja, du hast vollkommen recht. Vielleicht sollte ich den Dozenten fragen, ob er nächstes mal den Patienten ankündigt mit: „Sehr geehrte sensationsgeile Studenten und Studentinnen, sehen Sie heute etwas noch nie gezeigtes: eine psychisch kranke Person!“ #achtungironie 😉

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      1. Da hast du natürlich recht. Es fällt mir halt schwer, da über meinen eigenen Schatten zu springen. Aber ich kann die Dozentin auf jeden Fall mal vor der Vorlesung darauf ansprechen und ihr meinen Standpunkt erläutern. Das ist auf jeden Fall schon mal ein Anfang!

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  4. Ich finde die spontane Suche nach einem freiwilligen Kandidaten ganz schwierig, genau wie den Verzicht auf eine schriftliche Schweigepflicht-Erklärung. Ich habe zB mal ein bisschen mit Google gespielt und man findet den Fall, über den du neulich gebloggt hattest, dort durchaus… Und wenn dann noch gefilmt wird, kann das natürlich für „normale“ Psychiatriepatienten, die von einer vertrauensvollen Umgebung ausgehen, böse Folgen haben, wenn sowas ins Netz gerät. Sobald die Person erkennbar wird, kann die Karriere vorbei sein, falls

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    1. Sorry, zu früh abgeschickt!

      Falls das vorher unter Kollegen, bei Vorgesetzten etc alles nicht bekannt war. Und wenn diejenigen sich relativ spontan entscheiden müssen, gerade in einer akuten Krankheitsphase, würde ich eben nur bedingt zustimmen, dass die in jedem Fall wissen, was sie da tun und sich der möglichen Folgen, der möglichen Indiskretion durch die Studierenden bewusst sind. Ich finde grundlegend auch wichtig, dass Studis möglichst früh Kontakt zu Patienten bekommen, wenn sie langfristig in die Arbeit mit Patienten gehen wollen; aber dabei muss dann eben die Form gewahrt und die Privatsphäre der Patienten geschützt werden. Als ich in einer psychosomatischen Klinik war, war es zB so, dass ein Mitpatient auf Facebook ein Selfie gepostet hat, wo im Hintergrund eine andere Patientin mit drauf war. Der Patient, der das Bild online gestellt hatte, ist ohne wenn und aber aus der Klinik geflogen und musste sofort abreisen, weil bei Anreise gesagt wurde, dass die Privatsphäre der Mitpatienten zu schützen ist und er dagegen verstoßen hat. Dass in einer Psychiatrie für Studis geringere Standards gelten, gefällt mir nicht. Grundlegend würde ich es selbst insofern auch durchaus spannend finden, vor angehenden Profis über Autismus zu sprechen (und Vorurteile aus der Welt zu schaffen 😉 ), hätte aber niemals das Vertrauen, dass ich danach nicht doch meinen Namen oder mein Foto mit Diagnose irgendwo im Netz wiederfinde. Darum würde ich da definitiv nie mitmachen.

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      1. Vielen Dank Amy, für deine Meinung zu dem Thema und auch für deine Recherche!
        Ich finde du sprichst etwas ganz Zentrales an, warum sich die Menschen bereiterklären vor dieser Horde Studenten zu sprechen: nämlich, dass sie mit Vorurteilen aufräumen wollen. Ich kenne aus eigener Erfahrung den Wunsch über meine Erkrankungen aufzuklären, deshalb schreibe ich unter anderem ja auch diesen Blog. Nur ist leider die Art und Weise dieser Veranstaltung nicht optimal…
        Alles Liebe, Julia 💜

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  5. Ich muss mich meinen Vorschreibern anschliessen, eine solche Vorführung von Patienten geht gar nicht. Aber in kleinerem Rahmen finde ich das ok. Ich habe schon an verschiedenen Studien mitgemacht und habe einmal ebenfalls an einem (fiktiven) „Anamnesegespräch“ als „Objekt“ vor Studenten teilgenommen. Es waren aber nur etwa 20 Studenten im Raum und es waren alle sehr interessiert und respektvoll. Alles in allem war es eher einen Diskussion auf Augenhöhe als eine Vorführung.

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    1. Vielen Dank für deine Meinung! Ich denke das ist der zentrale Punkt: dass einfach diese Begegnung auf Augenhöhe nicht stattfindet.
      Ich wünsch dir einen schönen Abend! Liebe Grüße, Julia 💜

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