Die Geschwister Wut und Trauer!

Ich weiß sehr gut wie es sich anfühlt traurig zu sein. In meinen schlimmsten Phasen meiner Essstörung war es nicht selten, dass ich täglich in Tränen ausgebrochen bin. Gut, das war vielleicht nicht immer das klassische Traurig-sein, sondern oft viel mehr meine unendliche Verzweiflung. Aber diese Verzweiflung hat mich traurig gemacht und somit kann ich schon behaupten in dieser Zeit extrem traurig gewesen zu sein.

Somit war auch für mich ein sehr wichtiges Ziel in der Therapie immer meine Traurigkeit zu reduzieren. Doch meine Therapeuten hatten immer wieder eine andere Idee: nämlich, dass ich lernen sollte meine Wut und meinen Ärger wahrzunehmen.

Zu Beginn hat mich das echt verwirrt. Ich bin traurig, nicht wütend! Doch mit der Zeit wurde mir bewusst, dass diese beiden Emotionen näher beieinander liegen als zunächst angenommen.

In vielen Situationen, die wir als negativ empfinden gibt es zwei Arten darauf zu reagieren. Hier mal ein Beispiel: Kurz vor einem vereinbarten Treffen, auf das ich mich sehr freue, kommt die Nachricht, dass wir dies leider verschieben müssen.

Szenario 1: Ich bin enttäuscht und denke, dass die Absage bestimmt mit mir zu tun hat. Vielleicht mag mich die Person nicht und hat deshalb abgesagt? Warum habe ich immer so Pech mit Menschen? Das bedeutet, ich beziehe die Reaktion des anderen auf mich selbst und meine von mir interpretierte nicht vorhandene Liebenswürdigkeit. Ich werde traurig und beginne mich selbst zu bemitleiden.

Szenario 2: Ich bin enttäuscht und denke, dass die Absage so kurz vor dem Treffen total unhöflich ist. Hätte sich die Person nicht vorher überlegen können, ob sie Zeit hat oder nicht? Die Menschen sind heutzutage so unzuverlässig geworden? Das bedeutet, meine Reaktion bezieht sich auf die andere Person und ich kritisiere sie für ihre mangelnden sozialen Kompetenzen. Ich werde wütend und ärgere mich über das Verhalten der Person.

Also, gleiches Ereignis, unterschiedliche Reaktion: Ich werde entweder traurig oder wütend. Somit sind diese Emotionen eng verwandt und in der Therapie wurde mir oft gesagt, dass ich die Traurigkeit loswerden könnte, wenn ich lernen würde mich zu ärgern.

Das heißt konkret: Ich musste lernen mich zu ärgern und auf andere Personen wütend zu sein. Das fällt mir bis heute schwer, weil ich es hasse andere zu kritisieren. Da mache ich mich lieber selber fertig.

Es geht dabei aber nicht darum seiner Wut freien Lauf zu lassen, sondern sie einfach zu akzeptieren als etwas völlig Normales. In meinem Fall sollte mir die Unterscheidung von Traurigkeit und Wut helfen aus meiner Verzweiflung herauszukommen. Dem Ärger eine Daseinsberechtigung zu geben hat dabei schon oft geholfen!


Wie geht ihr mit Wut oder Ärger um? Fällt es euch leichter traurig oder wütend zu sein? Lasst uns doch darüber in den Kommentaren quatschen! ❤

Autor: Lebenswelt

Herzlich willkommen in meiner Lebenswelt! Ich bin Julia (21) und in meinem Leben habe ich schon die Diagnosen Magersucht, Binge Eating, Depression und soziale Phobie bekommen. Momentan lebe ich nur noch mit „Restsymptomen“ dieser Krankheiten und beginne das Leben wieder zu genießen. Auf meinem Blog schreibe ich über meine Erfahrungen mit psychischen Krankheiten, versuche mit Vorurteilen aufzuräumen, Wege zu einem gesünderen Leben zu finden und ich berichte über alles, was sich in meiner Lebenswelt so abspielt. Werdet inspiriert und motiviert ebenfalls euren Weg zu finden und euch selbst zu akzeptieren! Denn eure Lebenswelt ist lebenswert!

9 Kommentare zu „Die Geschwister Wut und Trauer!“

  1. Traurig sein kann ich auch viel schneller und leichter. Aber immer öfter kommt die Wut raus und dann schreie ich und brülle andere Leute an. Nachher tut es mir ganz fürchterlich leid und ich schäme mich und bin ganz erschrocken, weil ich das Gefühl habe, die Kontrolle verloren zu haben. 😔

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  2. Wütend sein auf andere? Das muss ich noch lernen.
    Wütend sein auf mich? Das geht ziemlich einfach.
    Wenn ich in mich hineinhöre, merke ich inzwischen, dass da doch eine ganze Menge Wut und Ärger vorhanden ist, die ich jedoch fast nie gespürt bzw. zugelassen habe.

    Gefällt 2 Personen

  3. Hallo Julia, Wut fast direkt abzublocken, anstatt sie zu äußern, kenne ich sehr gut. In der Therapie bin ich inzwischen auch mehrmals darauf hingewiesen worden, dass ich lernen soll, Ärger und Wut nicht wie bisher immer herunterzuschlucken, sondern meine Bedürfnisse und Kritikpunkte anderen gegenüber zu äußern und meine Grenzen zu verteidigen. Ansonsten würde die Wut nämlich unterbewusst weiter in mir schwellen und sich in Form von autoaggressiven Verhalten, Depression oder Zwängen äußern… Ich finde, darin ist viel Wahrheit und versuche, an mir zu arbeiten und statt Traurigkeit auch Wut oder Ärger (angemessen natürlich 😉) zuzulassen.

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  4. Ich war immer sehr wütend. Aber dahinter stecke so viel Trauer und Angst, die ich nicht verkraften konnte. Erst als ich fähig war, diese Gefühle herauszulassen, sie zuzulassen, verging auch häufig meine Wut. Wut und Angst zu fühlen ist wichtig. Mit ihnen richtig umzugehen bedeutet sie richtig verstehen zu können und nicht sie zu unterdrücken. Hinter Depression steckt bei vielen Menschen oft erstaunlich viel unterdrückte Wut.

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