Die Vergangenheit holt einen immer wieder ein

Eine Schulfreundin hat sich nach zwei Jahren Funkstille wieder bei mir gemeldet. Mit einer einfachen Nachricht über Facebook bringt sie mich vollkommen aus dem Konzept. „Hallo wie geht es dir?“

Ein einfacher Satz, eine Floskel, die man jeden Tag hört. Und auf die man auch ebenso einfach antworten kann. Doch was zwischen uns passiert ist, ist leider in meinem Leben kein Einzelfall…

Wir waren gute, nein sogar beste Freundinnen, im Gymnasium. In der Oberstufe habe ich sie kennen gelernt und habe mich gut mir ihr verstanden. In der Schule haben wir herumgeblödelt und sagen wir mal sie war der Teil meiner Jugend, der mir das Gefühl gab ein normaler Teenager zu sein.

Doch wir sahen uns nur in der Schule. Ich musste damals recht umständlich und auch relativ weit zur Schule fahren. Der Bus hat manchmal eineinhalb Stunden gebraucht. Keine guten Voraussetzungen, um eine Freundschaft außerhalb der Schulmauern zu pflegen. Was traurig klingt, war damals aber ok für mich. Um nicht zu sagen, ich war froh meine lange Anfahrtszeit als legitime Ausrede zu verwenden. Jeder in meiner Klasse hat immer verstanden, dass ich nicht zu dieser Party oder zu jenem Treffen kommen kann, weil es einfach zu weit war.

So habe ich einerseits eine Distanz zwischen uns geschaffen, die aber glaube ich nur mir aufgefallen ist. Andererseits ging es mit uns beiden im Abschlussjahr stark bergab. Meine Freundin hatte immer stärkere Rückenschmerzen und musste schließlich sogar auf Krücken laufen, weil sie ihr Bein nicht mehr bewegen konnte. Viele Krankenhausaufenthalte und Arztbesuche folgten, aber bis zu unserem Abschluss gab es keine Diagnose. Erst später habe ich erfahren, dass es eine seltene Krankheit ist, deren Name mir aber leider entfallen ist.

Aber auch ich war mit meiner immer stärker werdenden Magersucht mehr Wrack als Freundin. Und so konnten wir uns kurz gesagt gegenseitig nicht unterstützen und haben bei andern Klassenkameraden Hilfe gesucht. Nach der Matura und meinem stationären Aufenthalt in der Klinik, haben wir nochmal miteinander gechattet.

Dieses Gespräch war das Ende unserer Freundschaft. Sie hat mir vorgeworfen (was ich auch verstehe), dass ich nicht für sie da war als sie mich gebraucht hat, ich mich abgewendet habe und das Gespräch mit anderen gesucht habe.

Das ist richtig, aber auch ich habe meine Gründe. Wir waren beide am Ende so eingenommen von unseren Krankheiten, psychisch und physisch, dass wir uns einfach nicht gegenseitig unterstützen konnten. Uns hatte beiden die Kraft gefehlt.

Ich wollte meine Situation erklären und wollte ihr mein Verhalten erklären. In einem persönlichen Gespräch wollte ich mit ihr darüber reden. Das wollte sie aber nicht. Sie wollte sofort meine Gründe wissen. Das hätte mehrere Stunden gebraucht um auf schriftlichen Weg die richtige Message rüber zu bringen. Also beendete ich das Gespräch mit dem Angebot, dass sie sich immer melden kann, wenn sie bereit ist mit mir persönlich darüber zu reden.

Ja und seitdem habe ich nichts  mehr von ihr gehört. Ich habe mich öfter gefragt wie es ihr geht und was sie jetzt macht…

Bitte versteht das nicht falsch: Wir BEIDE haben vieles falsch gemacht. Auch MEIN „Angebot“ nach einem persönlichen Treffen war möglicherweise wieder nur ein Vorenthalt mich vor Konflikten drücken zu können. Ich wusste genau, dass sie kein Treffen wollte (sie war auch schon immer ein Mensch, der lieber schrieb als telefonierte) und mein Kopf bestätigte mir, dass es reif war sich persönlich auszusprechen, anstatt schriftlich.

Jetzt hatte sie reif gehandelt und die Initiative ergriffen. „Hallo wie geht es dir?“ „Gut, ich kämpfe nach meiner Magersucht mit Binge Eating, studiere schon seit zwei Jahren, ohne dass du davon weißt und ach ja Depressionen hatte ich auch.“ Das kann man nicht machen. Oder besser: ich will es nicht machen.

Schon zu viele Menschen habe ich in meinem Leben verloren, weil ich Angst hatte. Angst, dass sie mir zu Nahe kommen und dass sie sehen wie ich mich verändere. Werde ich auch nach dem Studium wieder alle wegstoßen?

Ich möchte ihr aber auch keine heile Welt vorspielen. Was fühle ich wirklich? Es freut mich total, dass sie sich gemeldet hat. Das heißt ja, dass sie noch Kontakt zu mir möchte. Andererseits steht vieles zwischen uns, was man durch offene Gespräche aufarbeiten müsste. Bin ich dazu bereit? Denn ich muss ihr alles erzählen um wieder ein Band zwischen uns zu schaffen. Ein Band, das ich in meinem Leben schon viel zu oft zerrissen habe…

Autor: Lebenswelt

Herzlich willkommen in meiner Lebenswelt! Ich bin Julia (21) und in meinem Leben habe ich schon die Diagnosen Magersucht, Binge Eating, Depression und soziale Phobie bekommen. Momentan lebe ich nur noch mit „Restsymptomen“ dieser Krankheiten und beginne das Leben wieder zu genießen. Auf meinem Blog schreibe ich über meine Erfahrungen mit psychischen Krankheiten, versuche mit Vorurteilen aufzuräumen, Wege zu einem gesünderen Leben zu finden und ich berichte über alles, was sich in meiner Lebenswelt so abspielt. Werdet inspiriert und motiviert ebenfalls euren Weg zu finden und euch selbst zu akzeptieren! Denn eure Lebenswelt ist lebenswert!

2 Kommentare zu „Die Vergangenheit holt einen immer wieder ein“

  1. Hallo liebe Julia, meine Vergangenheit hat mich auch eingeholt. Ich habe oft gelogen, weil ich mich geschämt habe, weil ich die Angst hatte, mich so zu zeigen, wie ich wirklich bin. Ich dachte, dass die Menschen mich ablehnen, mich nicht mehr lieben, auslachen. Liebe Julia, ich habe noch oft Schwierigkeiten mit mir klar zu kommen. Ich arbeite aber daran meine Schwächen, meine Krankheit zu akzeptieren. Ich möchte nicht mehr lügen und mich verstecken! Liebe Julia, Dankeschön für deinen Beitrag. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht, weil ich mich dadrin erkannt habe. Liebe Julia, viele liebe Grüße und eine liebevolle Umarmung, Bo

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