Essen auf dem Klo!

Stellt euch vor, ab sofort dürfte euch niemand mehr jemals dabei sehen wie ihr euch Essen in den Mund schiebt! Jegliche Nahrungsaufnahme müsste geheim gehalten werden. Essen im stillen Kämmerlein sozusagen! Klingt anstrengend? Ist es auch! Willkommen in meiner Realität im Januar 2014!

Ich habe es eigentlich während meiner Schulzeit im Gymnasium immer vermieden vor oder mit anderen zu essen. Mit „anderen“ sind meine Mitschüler und Gleichaltrige gemeint. Mit Menschen aus meinem engen Umkreis ging es mit der Zeit ganz gut. Wäre auch etwas schwierig gewesen sich am Essenstisch mit der Familie seinen Teller Nudeln zu schnappen und damit in sein Zimmer zu verduften.

Den Höhenpunkt dieses „Ich-vermeide-um-jeden-Preis-vor-anderen-zu-Essen“ fand dann bei meiner erneuten Magersuchtssphase statt. Falls ihr euch genauer für meinen Krankheitsverlauf interessiert, könnt ihr euch hier gerne meine Geschichte durchlesen.

Spätestens als ich einen Essensplan verschrieben bekam, um den Weg bis zum Abitur lebend zu überstehen, wurde das Ganze echt kompliziert. Ich hab mich noch mehr von meinen Mitschülern abgeschottet als ohnehin schon. Nur um unbeaufsichtigt mein trockenes Brötchen Stückchen für Stückchen zu inhalieren. Und das ist keine Untertreibung. Das Verspeisen eines Brötchens konnte ruhig mal 45 Minuten dauern. Ihr könnt euch vorstellen wie schwierig es ist in einer Schule für so lange Zeit eine menschenleere Stelle zu finden.

Hier wird es jetzt vermutlich für den ein oder anderen etwas eklig. Sorry, dafür. Aber ein Ort, wo man bekanntlich meist doch allein ist, ist die Toilette. Richtige Schlussfolgerung: Auf dem Klo kann ich in Ruhe alleine essen.

Und das Ganze lief so ab: Jeden Morgen hatte ich die Mission sechs (genau sechs! Mama konnte ihr blaues Wunder erleben, waren es mal sieben) Apfelspalten zu mir zu nehmen. Und das musste in der Schule passieren.

Also der Bus hielt kurz vor Schulbeginn in der Nähe der Schule. Wie ein ferngesteuerter Zombie bin ich dann auf meinen dünnen wackeligen Beinchen viel zu schnell zur Schule gelaufen. Dort habe ich schnell die kleinste Toilette im ganzen Gebäude ausfindig gemacht, mich dort in eine Kabine eingesperrt und dann habe ich gewartet. Ich habe darauf gewartet, dass ich absolut ungestört bin. Ich meine, dass Kauen eines Apfels klang in meinen Ohren furchtbar laut und da Klokabinen blickdicht, aber meist leider nicht schalldicht sind, hieß es warten. Endlich allein wurde der Apfel dann ausgepackt und in einem für mich verhältnismäßig schnellem Tempo gegessen. Es klingelt. Der Unterricht fängt an. Schnell raus aus der Toilette und rein ins Klassenzimmer. Mission completed.

Wenn ich hier rückblickend so drüber schreibe, komme ich selbst sogar leicht in die Versuchung das Ganze als ziemlich lächerlich zu bezeichnen. Ich weiß gar nicht wie das erst auf jemanden wirkt, der von Essstörungen gar keine Ahnung hat.

Eins weiß ich aber sicher: dass es total anstrengend war. Ich weiß heute gar nicht mehr wie ich diese Zeit damals überstanden habe so unrealistisch kommt es mir heute manchmal vor.

Aber ich finde diese Geschichte zeigt gut, dass Menschen mit einer Essstörung krank sind. Dass irgendetwas in ihrem Kopf nicht funktioniert und das diese Menschen nicht verrückt sind, sondern extrem darunter leider, dass sie sich so verhalten wie sie sich verhalten.

Autor: Lebenswelt

Herzlich willkommen in meiner Lebenswelt! Ich bin Julia (21) und in meinem Leben habe ich schon die Diagnosen Magersucht, Binge Eating, Depression und soziale Phobie bekommen. Momentan lebe ich nur noch mit „Restsymptomen“ dieser Krankheiten und beginne das Leben wieder zu genießen. Auf meinem Blog schreibe ich über meine Erfahrungen mit psychischen Krankheiten, versuche mit Vorurteilen aufzuräumen, Wege zu einem gesünderen Leben zu finden und ich berichte über alles, was sich in meiner Lebenswelt so abspielt. Werdet inspiriert und motiviert ebenfalls euren Weg zu finden und euch selbst zu akzeptieren! Denn eure Lebenswelt ist lebenswert!

4 Kommentare zu „Essen auf dem Klo!“

  1. Hallo Julia, danke für deine Offenheit, die unbedingt gebraucht wird. Das stelle ich immer wieder fest.
    Deine indirekte Frage: „… Ich weiß gar nicht wie das erst auf jemanden wirkt, der von Essstörungen gar keine Ahnung hat…“, kann ich dir ein Stück beantworten. Denn ich habe überwiegend mit Menschen zu tun, die keine Ahnung von der Schwere einer Essstörung haben.
    Im Nachgang meiner Präventionsvorträge, in denen ich ohne mit der Wimper zu zucken, über meine Abgründe der Essstörung rede, höre ich oft: „Wie kann man nur so tief sinken!“ Oder: „Wie kann man so viel essen und sich dann freiwillig übergeben!“ Generell kommt oft jegliche Form der Formulierung: „Wie kann man nur!“ Ich empfinde das nicht abwertend. Es zeigt, dass vor allem Betroffene den Mut haben sollten, darüber zu berichten. Wobei „sollten und müssen“ nicht so hart gemeint sind, wie es klingt. Solange darüber (verständlicherweise aus Scham und Angst) geschwiegen wird, bleibt in den Köpfen verankert: „Ach, das ist alles gar nicht so schlimm!“
    Wenn Betroffene erzählen, hat das einen viel größeren nutzbringenden/abschreckenden Effekt, als wenn ein Mediziner oder ein Lehrer davon berichtet. Die nachhaltige Glaubhaftigkeit ist auf der Seite des Betroffenen. Zumindest sind das meine Erfahrungen, seit ich aktiv Prävention betreibe.
    Toller Artikel, danke nochmal dafür.
    Viele Grüße
    Michaela

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    1. Vielen lieben Dank Michaela für deine motivierenden Worte! ❤ Ich hab zwar nicht so viel Erfahrung wie du, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Betroffene in manchen Hinsichten wesentlich mehr auslösen können, wenn sie über ihre eigenen Erfahrungen schreiben oder sprechen. Ich habe für mich selber zum Beispiel auch die Erfahrung gemacht, dass ich die Hilfe von (ehemaligen) Betroffenen häufig eher annehme als die von Ärzten oder Therapeuten, weil sie noch so gut alles über das Thema lernen können, aber das Erfahren am eigenen Leib meist fehlt.
      Alles Liebe, Julia

      Gefällt 1 Person

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