Ich kann nicht vs. Ich will nicht

„Wenn man will kann man alles schaffen!“ So oder so ähnlich heißt es doch. Aber ist das tatsächlich so? Ich meine, wenn ich zum Beispiel unsichtbar werden will und mir nichts mehr auf der Welt wünsche, wird das vermutlich trotzdem nicht passieren. Ja, ja, ich weiß schon. Das ist nur ein Spruch, der einen motivieren soll, aber ich tu mir da manchmal echt schwer. Will ich einfach nur nicht? Heißt das, wenn ich mich endlich mal zusammenreiße, dann klappt es?

Dieser Weisheit alles schaffen zu können steht gegenüber, dass man sagt „Für eine Krankheit kannst du nichts!“ bzw. wird eine Krankheit oft als „Ausrede“ (?) dafür angeführt bestimmte Dinge nicht zu können. Da kann ich auch voll und ganz zustimmen. Einfaches Beispiel: Jemand, der im Rollstuhl sitzt, kann nie einen Marathon laufen, zumindest nicht auf konventionellem Wege.

Gehen wir aber zu psychischen Erkrankungen über, wird es da leider etwas komplizierter. Allgegenwärtig ist zum Beispiel das Vorurteil, dass die Menschen Depressiven an den Kopf werfen: „Reiß dich mal zusammen!“ oder „Das wird schon wieder!“ Bei Essstörungen ist das „Iss doch einfach mal normal!“ repräsentativ für dieses Problem des nicht Könnens bzw. nicht Wollens.

Sich „einfach“ normal zu verhalten, wenn man psychisch krank ist, ist absolut nicht von jetzt auf gleich möglich. ABER: Es spielt tatsächlich eine sehr große Rolle, ob man gesund werden will oder nicht. Ein Beispiel gefällig? Auch während meiner schlimmsten Magersuchtszeit konnte ich unter bestimmten Bedingungen relativ unauffällig essen, auch wenn ich todtraurig war, konnte ich in die Uni gehen und es mir nicht anmerken lassen. Ist das aber jetzt ein Beispiel für Willenskraft?

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Ich weiß nur, dass es besonders bei Essstörungen wichtig ist gesund werden zu wollen. Ansonsten lässt man sich nicht darauf ein, weder auf die Therapie noch auf den Versuch ein gesundes Essverhalten hinzukriegen.

Jede psychische Erkrankung hat auch einen sogenannten „Krankheitsgewinn“. Das heißt, die Krankheit hat einen Nutzen. Dieser Nutzen war bei mir unter anderem: Wenn ich krank bin, darf ich schwach sein. Wenn ich schwach bin, brauche ich nicht so viel zu leisten. Meine Krankheiten haben mir sozusagen die Erlaubnis gegeben nicht perfekt sein zu müssen und Verantwortung abzugeben. Ich hab mich somit in die Opferrolle gebracht  und mit „Ich kann nicht!“  oft nichts dagegen getan.

Nun ist es so, dass ich ja eigentlich schon wieder so gut wie gesund bin. Und da liegt das Problem. Ich bin gesund, das heißt es ist damit vorbei, dass ich mir Schwäche erlaube. Das ist dämlich, aber oft komme ich gegen diesen Gedanken nicht an. Bei mir gibt es jetzt nicht mehr „Ich kann nicht!“, sondern nur noch „Ich will nicht!“

Bin ich dann doch mal etwas netter zu mir selbst, stelle ich mir oft die Frage, ob ich tatsächlich nicht will oder ob ich es nicht kann. Ich war schon Ewigkeiten nicht mehr so leistungsfähig wie in der Schule. Heißt das, dass ich jetzt fauler geworden bin? Ich denke nicht. Es liegt vermutlich daran, dass ich einfach damals anders war als heute. Heute schaffe ich es nicht mehr, so viel zu leisten, was ich eigentlich ja auch nicht muss. Und ob, dieses weniger schaffen von einer psychischen Erkrankung kommt oder einfach Teil von mir ist, ist doch eigentlich egal. Solange ich alles, was ich mir vornehme so halbwegs hinkriege, dann ist es doch nur legitim auch einmal nicht zu wollen.


Was ist eure Meinung zu dem Thema? Gibt es bei euch auch Situationen, in denen ihr nicht sicher seid, ob ihr nicht wollt oder nicht könnt? Ich freue mich auf eure Beiträge :).

7 Gedanken zu “Ich kann nicht vs. Ich will nicht

  1. Ich glaube es gibt einen kleinen aber feinen Unterschied zwischen dem „nicht wollen können“ und dem „nicht können wollen“. Wenn man „krank“ ist, dann kann man nicht „wollen“, es geht einfach nicht. Eigentlich wollte ich jetzt etwas philosophisches Schreiben, aber irgendwie sind mir die Worte abgekommen. Also nur meine zwei Cents dazu.

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  2. Hi!
    Mein Mathelehrer meinte mal „‚Ich kann nicht‘ wohnt in der ‚Ich will nicht‘-Straße.“ Ich glaube, er hat damit insofern recht, dass man vieles wirklich schaffen kann, wenn man es wirklich will. Eine psychische Erkrankung ist in dem Sinne eine Erkrankung dieses Willens (wenn man so will), und der funktioniert dann nicht mehr einwandfrei. Beispielsweise denken Menschen mit Depressionen sicher häufig „Ich wäre gern normal“ und dann sitzen sie lange Zeit rum, starren die Wand an und denken Dinge, die so eben doch nicht normal sind.
    (Anbei: Ich habe auch keine Ahnung, was normal sein soll, mir fällt nur kein besseres Wort ein.)

    Ich denke also, wenn du bei klarem Verstand und gesund und munter bist, und du machst etwas nicht, dann wolltest du es auch nicht. Mir hilft dieser Gedanke ungemein (nachdem er mich auch lange Zeit ein bisschen unter Druck gesetzt hat). Er hilft mir dabei mich zu entscheiden, was ich überhaupt will. Will ich die nächste Prüfung schreiben oder will ich Urlaub? Will ich in die Uni oder lese ich heute im Bett, weil es regnet? Man muss diese Entscheidungen natürlich täglich neu treffen und das ist ein konstanter Kraftakt, aber so lernt man sich Ziele zu setzen, sie zu erreichen und zwischendrin genügend Pausen für den individuellen Seelenfrieden zu machen. Nicht wollen ist nämlich auch legitim 🙂

    Liebe Grüße
    kolumnalpolitik.wordpress.com

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für deine Gedanken!

      Den Spruch von deinem Mathelehrer merk ich mir auf jeden Fall! Und auch deine Erklärung, dass bei psychischen Erkrankungen das „Wollen“ nicht richtig funktioniert, finde ich sehr nachvollziehbar und einen tollen Ansatz. Also vielen Dank für diese klugen Worte!

      Du hast mir wirklich eine neue Ansicht aufgezeigt. Unter anderem ist es das, was ich so am Bloggen liebe. Die Gedanken anderer Menschen zu hören. Da kann man soviel lernen, denn selbst ist man einfach oft in seinen Gedankengängen gefangen!

      Alles Liebe, Julia ❤

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      1. Ja, das stimmt. Ich hab in meiner bisher kurzen Zeit bei WordPress auch schon einige Gedanken in mich aufgesogen 😉

        Freut mich, dass du das so begreiflich findest, Psychologen rollen sich bei solchen Erklärungen sicher die Zehennäge hoch. Ich finds aber so irgendwie verständlicher für (ohje, schon wieder das) ’normale Leute‘. 😀

        Alles Liebe zurück 🙂

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