Online-Therapie – gut oder schlecht?

In letzter Zeit entstehen immer mehr Ansaätze, die versuchen eine psychotherapeutische Behandlung alleine durch das Internet anzubieten. Wenn ich mit meinen Kommilitonen im Psychologiestudium darüber spreche, kommt oft eine relativ negative Reaktion à la „Das kann niemals so gut sein wie eine echte Therapie!“ Klingt ein bisschen so als wären die angehenden Psychotherapeuten in ihrem Stolz verletzt, vielleicht bald durch Computer und Co. ersetzt zu werden. Ich selbst sehe in dieser Form der Behandlung sehr viel Potential, aber man muss aufpassen.

Der natürlich größte Vorteil einer Online-Therapie ist bestimmt der, dass auf einen Schlag sehr viel mehr Menschen Zugriff auf eine Behandlung ihrer psychischen Probleme hätten. Denke ich allein daran, dass ich einmal in der Stadt ein Jahr lang einen ambulanten Therapieplatz gesucht habe, möchte ich mir gar nicht vorstellen wie schwierig es in nicht so dicht besiedelten Gegenden ist.

Dass die Abrechnung einer Online-Therapie nicht von den Krankenkassen übernommen wird – berichtigt mich, falls ich falsch liege – macht das Ganze natürlich finanziell gesehen für viele schwierig.

Was auch noch gar nicht, zumindest mir nicht, so klar ist, was ich denn genau unter Online-Therapie zu verstehen habe. Wird schon das benutzen einer App als „Therapie“ bezeichnet. Wahrscheinlich nicht, da eine Psychotherapie auch nur durch Psychotherapeuten angeboten werden darf. Im Internet gibt es viele Coaches, da der Begriff nicht geschützt ist – ja, auch du darfst dich ohne jegliche Ausbildung „Coach“ nennen. Sie bieten Gespräche via Skype an. Manchmal zu erschwinglichen Preisen und auch nur für wenige Sitzungen. Aber bei manchen dieser Menschen bezweifle ich, dass sie mit suizidgefährdeten Menschen richtig umgehen können.

Ein starkes Gegenargument der Online-Therapie-Kritiker ist, dass die physische Präsenz fehlt. Gerade in einer Therapie ist es wichtig den Patienten ganzheitlich zu erfassen, mitsamt seiner Gestik und Mimik. Und ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber jeder Mensch hat eine gewisse Raumpräsenz, die über Videoanruf schwer zu erfassen ist.

Was wiederum viele „vom Fach“ übersehen, ist die menschliche Komponente. Dass, die Schwelle jemanden online anzuschreiben geringer ist, als tatsächlich zu einem Ortsgespräch aufzutauchen, weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich meine, bevor man sich „richtige Hilfe“ sucht, befragt doch heutzutage fast jeder zuerst Dr. Google.

Noch dazu sind alle im Stress und viele nehmen sich die Zeit nicht für eine Psychotherapie. Jede Woche eine Stunde klingt nicht viel, aber alle Therapieerfahrene wissen, eine Psychotherapie ist kein Termin, den mal einmal in der Woche abhakt, sondern eine Aufgabe mit der man jeden Tag beschäftigt ist, emotional und kognitiv. Sich einfach von zu Hause aus mit einer Person zu unterhalten, ist da für viele entspannter, wenn auch womöglich nicht weniger anstrengend.

Eine Online-Therapie bräuchte andere Regeln als eine Standard-Therapie. Wie gesagt müsste zuerst einmal die Qualität gesichert werden und nur Menschen mit entsprechender Ausbildung oder Kenntnis in der Thematik dazu befähigen, solche Angebote bereitstellen zu dürfen. Zusätzlich muss dem Patienten die Verbindlichkeit einer Online-Therapie bewusst sein. Mit einem Therapeuten, den man noch nie in „echt“ getroffen hat, lässt sich leichter der Kontakt abbrechen als bei einem wöchentlichen Vier-Augen-Gespräch.  Für solche Probleme müsste man einen Vertrag festlegen, der genau auflistet, was vom Patienten erwartet wird. Bei Regelverstoß wird die Therapie abgebrochen.

Zuletzt denke ich, dass bei vielen Therapeuten einfach eine Angst vor diesem ungewöhnlichen Arbeiten besteht. Das kann ich gut nachvollziehen. Vor allem, wenn man schon lange in dem Beruf arbeitet und entsprechende Erfahrungen hat, was funktioniert und was nicht. Bei einer Online-Therapie ist da dann vielleicht ein komplettes Umdenken nötig. Das kostet Zeit und Energie. Und warum etwas anders machen, wenn es doch jetzt auch funktioniert.

Trotz all der Punkte, die Online-Therapie in ein schlechtes Licht rücken, hoffe ich dennoch, dass diese Art der Therapie zunimmt. Auch, wenn es eine ideale Therapie nicht ersetzt, kann es eventuelle Wartezeiten auf eine solche überbrücken, Minderjährige können leichter nach Hilfe suchen und meiner Meinung nach ist, jegliche, auch die kleinste Hilfe, sinnvoller als gar keine Hilfe.


Was haltet ihr von Online-Therapie? Habt ihr vielleicht sogar schon Erfahrungen damit? Ich bin auf eure Antworten gespannt! 🙂


 

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24 Gedanken zu “Online-Therapie – gut oder schlecht?

  1. Ich muss zugeben, dass ich mich noch nicht allzuviel mit Online-Therapie beschäftigt habe aber mein erster Impuls ist auch sehr ablehnend! Ich glaube, dass gerade in einer Psychotherapie die Beziehungsgestaltung das A und O ist und ich bezweifle, dass das online so geht, wie face to face.
    Aber mh, für gewisse Situationen mag das vielleicht eine gute Alternative oder überhaupt Möglichkeit für therapeutische Gespräche sein, das wäre wünschenswert! Ich bin gespannt und werde mich mal ein bisschen belesen.

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  2. Ich denke Online-Psychotherapie hat Potenzial und gleichzeitig kann es eine ‚reale‘ Psychotherapie vor Ort nie ersetzen. Zur Überbrückung oder für die erste Kontaktaufnahme mit einem Therapeuten ist es durchaus geeignet. Vielleicht auch, wenn die eigenen Stunden ausgelaufen sind, keine weitere Genehmigung bewilligt wird und man alleine nicht klarkommt?!
    Ich weiß, dass die Barmer die online Psychotherapien der Schön-Kliniken trägt. Aber wie genau es funktioniert, ist mir gerade unbekannt 😉

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  3. Ich habe nicht die Muße nochmal alles bis ins Detail zu schreiben, da es echt viel war. Aber ich fasse die wichtigsten Sachen zusammen:

    In anderen Ländern ist Fernbehandlung Gang und Gäbe – z.B. Australien – und über die Wirksamkeit gibt es mehrere Studien.

    Seit das Fernbehandlungsverbot für Ärzte 2017 aufgeweicht wurde und da zur Zeit wieder die Diskussion läuft, einen Passus in die Verordnung zu bringen, die in etwa aussagt, dass eine Fernbehandlung zulässig ist, wenn der Arzt dies begründen kann, besteht die Hoffnung, dass sich auch irgendwann die Psychotherapeuten in dieser Richtung bewegen werden. Fachärzte dürfen nämlich schon eine Nachkontrolle via online-Sprechstunde durchführen und über die Krankenkasse abrechnen (Auch der Psychiater).

    Auch heute bieten einige gute Therapeuten Online-Therapiestunden an. Diejenigen, die hier wirklich sorgsam agieren, werden im Vorfeld immer mit dem Betroffenen zuerst einen Termin vereinbaren und ein persönliches Gespräch haben. Die Kosten können z.B. bei entsprechender Genehmigung über den FSM bezahlt werden (sofern man in die Gruppe derjenigen gehört, die dort Ansprüche gelten machen können).

    Aus der Betreuung und dem privaten Umfeld kenne ich Betroffene verschiedener Psychischer Störungen und Erkrankungen, die zum Teil ihr Pflegegeld oder Gelder aus dem OEG für solche Online-Therapien verwenden/verwendet haben.

    Die Erfahrungen dieser Klienten waren durchweg positiv, wenn es um Diplom-Psychologen (nein, ich meine keine Hokuspokus-ich-Pendel-dir-via-Skype-dein-Trauma-das-im-vorherigen-Leben-im-Jahre-siebzehnhundertdrölf-durch-Entführung-durch-ein-himmlisches-Wesen-entstand-Coach-Scharlatane und auch keine Apps) ging. So konnten Klienten mit Panik-Attacken z.B. im sicheren Zuhause Therapien machen und sich die Stabilität erarbeiten die sie für eine stationäre Therapie benötigten. DIS-Patientinnen konnten zusätzlich zur wöchentlichen ambulanten Termin abends nochmals Online-Therapien machen um den Alltag zu verarbeiten. So konnten sie die wöchentliche Stunde wirklich für die Trauma-Arbeit nutzen.

    Ablauf einer fachlich sorgsamen Psychotherapie:

    https://www.praxis-dr-shaw.de/online-therapie.php

    Allgemeine Informationen:

    https://www.tk.de/tk/themen/e-health-angebote/patientus/745886
    https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/politik/spiegel-entdeckt-online-sprechstunde-fuer-sich-telemedizin/

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  4. Hallo, ich sehe die Nachteile, die Du beschreibst. Ich nenne Dir hier Vorteile, die mich eine solche Therapie gerne versuchen lassen würden, wenn ich die Chance hätte (mit Diagnosen F43.1 / F44.7, F44.81 und F44.9 – je nachdem, wer sie gestellt hat):
    – Ich habe in meiner Region mit diesen Diagnosen in den letzten 18 Monaten alle (!!) Psychotherapeuten mit Trauma-Zusatzausbildung bzw. in Trauma-Netzwerken befindliche Fachkräfte angeschrieben – und nur Absagen erhalten, bis auf 4. Diese Therapeutinnen bin ich durch, drei davon meinten nach dem Kennenlernen, sie würden sich nicht zutrauen, mit F44.81 / 9 zu arbeiten. Zwei Therapeutinnen waren einfach so überfordert, hatten keinen Plan und kaum Erfahrung (nach eigener Angabe), sodass ich nach einigen Stunden das Ganze beendet habe. Der Vorteil wäre, dass ich online nicht an meinen Wohnort gebunden bin und trotzdem nicht hunderte KM umziehen müsste.
    – Kosten, die Du anführst. Ich lebe in einer Situation, wo ich ca. 20% der Therapiestunde bezahlt bekomme, den Rest ohnehin selbst zahlen muss. Online wäre es also 20% teurer, aber ich könnte Therapie machen bei Leuten, die sich wirklich mit meiner Diagnose auskennen (Pat Sherman, Leute, die bei Kathy Steele oder Bessel v.d. Kolk gelernt haben) und hoffentlich effizienter arbeiten, als das, was ich bisher von Fachkräften in meinem Umfeld erleben (oder 2017/8 muss ich wohl eher sagen: erleiden) durfte.
    – Ich hatte bei einer der beiden Therapeutinnen vom letzten Jahr Schwierigkeiten mit dem Nachhausekommen. Nach fast jeder Therapiestunde fand ich mich irgendwo im öffentlichen Verkehrsnetz wieder, oft ohne Fahrschein. Teilweise war das ein bisschen gefährlich. Online dreh ich die Kiste ab und bin schon zuhause.
    – Ich möchte von meiner Therapeutin auf keinen Fall angefasst werden (es gab da ein Referenzerlebnis – ähm…) – und online bin ich „in Sicherheit“. Für mich persönlich würde sich das Sicherheitsgefühl radikal erhöhen, wenn ich nicht mit der Person allein in einem Zimmer sitzen „müsste“. Andererseits gibt es sicher anteile, die sich erstmal „gestalkt“ fühlen würden, wenn die Tehrapeutin via Internet „bei mir zuhause“ ist.
    – Die Qualität der Therapie, von der Du schreibst, ist leider sehr oft mangelhaft; eine Person hat nicht bessere oder schlechtere Qualifikationen, mehr oder weniger praktisch Erfahrung, ob sie (dieselbe) Leistung persönlich oder online anbietet.
    – Was ich schon problematisch sehe: Die Person sieht nur einen Ausschnitt der Körpersprache (das, was man über die WEbcam sieht); persönlch sieht sie die ganze Person.
    Alles Liebe,
    s.

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    1. Vielen Dank für deinen sehr persönlichen Kommentar! Ich habe mittlerweile schon häufig gehört, dass es schwierig ist Therapeuten zu finden, die sich auf Trauma spezialisiert haben bzw. generell ist es schwierig Therapeuten mit anderem Schwerpunkt zu finden als Depression und Angststörung (was natürlich nicht abwertend gegenüber diesen Erkrankungen gemeint ist). Die Erfahrung musste ich mit meiner Essstörung auch schon machen.

      Ich kann dir bei deinen angeführten Punkten nur zustimmen. Ich bin mittlerweile auf ein amerikanisches System gestoßen, das genauso Online-Therapie anbietet wie du es beschrieben hast. Ein Therapeut wird individuell auf einen zugeschnitten, man ist zeitlich flexibel und örtlich unabhängig. Ich glaube ein großer Punkt, der die Skepsis, vor allem von Seiten der Therapeuten, bestärkt ist einfach, dass es was Neues Ungewohntes und Therapeuten arbeiten gerne so wie sie es gelernt haben bzw. sehen sie es, zumindest nach meinem Eindruck, als Abwertung ihrer klassischen Arbeit.

      Ich habe auch schon einmal von Ansätzen gehört, dass man die erste Sitzung „normal“ macht und die weiteren dann online. So würde man zumindest gegenseitig mal „live“ einen Eindruck vom anderen bekommen und könnte dann den weiteren Ablauf für eine Online-Therapie besprechen. So muss man nur einmal einen weiteren Weg zurücklegen, hat sich aber trotzdem schon mal gesehen.
      Hast du jetzt letztendlich eine Therapeutin oder einen Therapeuten gefunden mit der oder dem du dich zumindest halbwegs wohlfühlst?
      Alles Liebe, Julia

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      1. Hallo Julia,
        ich bin beruflich auch in einem Sektor, in dem das heiß diskutiert wird, was online geht. Ich für mich habe entschieden, zu einigen Themen Leistungen sehr wohl online anzubieten, bei anderen geht es einfach technisch nicht. Ich fahre gut mit diesem System und wäre im Traum nicht auf die Idee gekommen, dass das meine Leistung abwertet.
        Ich habe vollstes Verständnis, wenn – wie Mrs. Tingley oben – Patienten für sich eine online-Therapie ablehnen und unbedingt eine Person vor sich brauchen (aus Gründen oder einfach so). Das finde ich einleuchtend. Was mir nicht in den Kopf geht: Warum gehen die THERAPEUTEN auf die Barrikaden, wenn sie ans online arbeiten denken? Welchen Nachteil haben sie? (Man könnte die Stunden aufzeichnen und ins INternet stellen – de facto kann man das mit live Stunden AUCH, nur etwas aufwendiger; verboten ohne Zustimmung ist beides) Ich hatte in meinem ganzen Leben bisher (unter 100ten) keine einzige Therapiestunde, die nicht online exakt genauso funktioniert hätte wie live: es wird nur gespochen. Die Therapeutin fasst mich nicht an oder tut sonst etwas, das man nicht durch eine Datenleitung jagen kann. Wovor haben die Therapeuten (sorry to say, aber: SCHON WIEDER) Angst? lg s.

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      2. Wir haben schon häufiger im Studium darüber gesprochen, ob eine Online Therapie die klassische Form ersetzen kann und da war der Kanon von Studenten und als Psychotherapeuten arbeitenden Dozenten immer, dass sie sich eine Therapie nur online nicht vorstellen können. Es war oft das Argument, dass man da nicht alles Wichtige erfassen könnte. Ich muss zugeben, dass ich da bis zu einem gewissen Grad mitgehe: Man erfasst vielleicht online nicht so sehr die Stimmung, manchmal ist die Technik auch nicht so gut, dass man kleinste Veränderungen in der Mimik bemerkt zb glasige Augen. Und sehr viele Therapeuten arbeiten mit dieser Stimmung so stark, dass sie vielleicht Angst haben online das nicht zu sehen, was sie sehen müssen. Schließlich haben Therapeuten ja eine sehr große Verantwortung.

        Mir würde auch aus therapeutischer Sicht etwas Kontrolle fehlen. Stell dir vor jemand erklärt dir, dass er daran denkt sich das Leben zu nehmen und beendet dann die Online Sitzung. Dann muss der Therapeut zur Sicherheit die Polizei rufen. Das ist ein riesiges Aufgebot, wodurch das Vertrauen zum Therapeuten bricht. In der klassischen Therapie redet man erst mal in Ruhe und oft ist dann weder Polizei noch Einweisung nötig.

        Grundsätzlich kann die Technik etwas zum Problem werden. Nicht nur, dass der Patient abbrechen kann, wann er möchte, also wenn es unangenehm wird, sondern auch umgekehrt kann es passieren, dass die Technik einfach nicht mehr mitmacht und Mitten in der Sitzung abbricht. Das ist eine Unterbrechung die die empfindliche therapeutische Arbeit sehr stören kann.

        Das sind jetzt einfach Punkte, die mir eingefallen sind bzw. die wir diskutiert haben, wenn es um Kritik an Online Therapie geht. Was natürlich all die positiven Punkte, die du benannt hast nicht aufhebt.

        Liebe Grüße
        Julia

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      3. Hallo Julia,
        ich denke nicht, dass es um ein Ersetzen geht, eher ein ergänzen. Es wird immer Patienten geben, die in der Nähe wohnen und gerne kommen. In meinem Fall fahre ich über 1h zur Therapie, kann danach nciht gleich ins Auto steigen, in Wahrheit ist es ein Tagesprojekt, das online weniger als ein Viertel der Zeit kosten würde und für mich persönlich sicherer wäre, da ich den Weg nicht vollkommen verDISt meistern muss.
        Mit der technischen Unterbrechung, das stimmt natürlich. Ich habe das Probem mit manchen Kundne auch, in einigen Gebieten ist das Netz einfach zu schlecht und es klappt nicht. Ich verwende 2 verschiedene Softwaresysteme, um jederzeit auf das andere wechseln zu können, aber eigentlich gibt es kaum jemals Probleme. Was nie passiert, sind plötzclihe technische Schwierigkeiten. Ein größeres Probelm ist der Datenschutz und wie ich eine sichere Leitunge herstellen kann für die Sitzung, aber das ist ein lösbares Problem.
        Stimmt, der Patient kann jederzeit auflegen – genau wie er jederzeit aufstehen kann und gehen. Oder stellst du da dann als Therapeutin in den Weg? Verriegelst das Zimmer? Ich weiß es nicht, ich wollte noch nie weglaufen in der Sitzung.
        Was mir (entschuldige bitte) mit meiner Erfahrung bisher ziemlich sauer aufstößt: die „sehr große Verantwortung“ des Therapeuten. Magst Du mir da mal auflisten, was Du darunter verstehst? Denn meiner Meinung nach gibt es kaum ein Berufsfeld, das so wenig geradestehen muss für Behandlungsfehler, Ineffizienzen und Co und so wenig kontrolliert wird. Ich habe in den letzten 18 Monaten viele Psychotherapeuten und Ergotherapeutinnen „gecastet“ 😉 und nicht mal im Erstkontakt hält man sich ans geltende Gesetz – gleich DA war keine einzige „Fachkraft“ dabei, die den Konsumentenschutz beachtet hätte.
        Wie meinst Du das?
        lg s

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      4. Ich glaube auch, dass es als Ergänzung definitiv weniger kritische Stimmen gibt. Und bitte versteh das nicht falsch: Ich sehe absolut die Vorteile in einer Online-Behandlung. Datenschutz ist natürlich auch ein Thema für sich, aber ich sehe das auch als lösbar an.

        Es ist ein Unterschied, ob du „nur“ einen Knopf drücken musst oder ob du tatsächlich aufstehen musst und den Therapeuten da einfach sitzen lässt. Ich habe zb beim Telefonieren schon öfter einfach aufgelegt, aber so einfach stehen gelassen hab ich glaub ich noch nie jemanden. Die Hemmschwelle ist online niedriger. Und manche behaupten online dann später bestimmt es sei ein technischer Fehler gewesen und dann kannst du sie schlecht dafür beschuldigen. Es gibt so unterschiedliche Menschen, die zur Therapie kommen. In meinem Praktikum zb mussten wir allen Menschen, die die Gruppentherapie verlassen haben hinterher und abklären was los ist.

        Ich meine mit Verantwortung nicht nur gesetzlich vorgeschriebene. Ich würde sehr viel persönliche Verantwortung empfinden, die Verantwortung für Menschenleben. Zu einem Therapeuten kommen sehr instabile Menschen, die teils suizidal sind. Hier muss der Therapeut abwiegen: Kann ich den Patienten nach Hause schicken ohne, dass er sich etwas antut? Kann ich den gewalttätigen Jugendlichen in die Schule lassen, wo ich weiß er mobbt Mitschüler? Darf ich eine Traumaexposition machen ohne, dass ich dadurch das Trauma des Patienten verschlimmere? Ist der Patient arbeitsfähig? Hat die Person während des Verbrechens klar gehandelt (in der Kriminalpsychologie)? Das sind Beispiele für Entscheidung, die der Therapeut verantwortungsvoll treffen muss, da es sonst immense Schäden geben kann – vielleicht keine beruflichen, aber menschliche.
        Liebe Grüße

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      5. Hallo, das stimmt schon – das kann bei anderen Menschen ganz anders sein als bei mir – ich würde weder online noch real jemanden einfach stehen lassen. Andererseits habe ich auch nicht die Verpflichtung, mir 50 min mit einem Therapeuten anzutun, die einfach nur schädlich und nciht hilfreich sind (da hatte ich einmal echt das Bedürfnis https://distanzblog.wordpress.com/2017/10/04/013-therapeutencasting/ Passwort ist kurz12 – und im nachhinein fand ich es eher respektlos, dass die Therapeutin mich quasi nicht hat gehen lassen).
        Ich hatte in der Vergangenheit öfters das GEfühl, Therapeutinnen LEIDEN eher unter diesem riesigen Schuh, den sie sich versuchen anzuziehen (sie hätten angeblich die Verantwortung für ein Leben), denn am Ende können sie es nicht kontrollieren, was der andere tut. Die einzige Situation, in der ich mein Leben tatsächlich dabei war zu beenden, war IN einer Traumaklinik, auf meinem Zimmer, und da hat keiner was gemerkt (aber wie auch??).
        Ich finde es echt gut, dass Therapeuten eine persönliche Verantwortung fühlen, aber am Ende bin ich verantwortlich für mein Leben, und ich halte es auch für ein Trugbild, dass mir als Patientin immer mal wieder vorgemacht wurde, dass diese Verantwortung bei Therapeuten oder einer Klinik liegt.
        Ich bin als sehr instabile Patientin zu einer Therapeutin gekommen, die mir dann eine fehlerhafte Diagnostik gegeben hat, obwohl ich angegeben habe, cih bin suizidal. In der Klinik wurden miene Medikamente mit der einer Mitpatientin verwechselt – das ist mir zuhause noch nie passiert. Es tut mir einfach leid, dass ich mit dem Level an Schlamperei, die ich in den letzten 2 Jahren im Psy-Sektor erlebt habe, einer Therapeutin irgendeine Verantwortung glauben kann. Und wenn dann Therapeuten ihre angebliche Verantwortung auf etwas aufblasen, was da nicht ist und noch nie vor Gericht in EUR verwandelt wurde – dann ist das für mich eine Scheinwelt, die sich Therapeuten da bauen.
        Welche Verantwortungn würde ich mir also wünschen? Ich würde mir wünschen, dass Therapeuten
        1. eine Art von Versorgungspflicht-Verantwortung hätten. Ich habe 30 Therapeuten angeschrieben mit Diagnose F44.81 und fast nur (vorurteilsbeladene) Absagen erhalten. Klar verdient man sich seine Kohle leichter mit einem „ich werde im Büro gemobbt“-Fall. Aber es darf doch nicht sein, dass die Hilfsbedürftigsten abgewiesen werden, nur weil sie Arbeit bedeuten?
        2. eine Art Projektverantwortung – wenn es schwierig wird, bricht der Therapeut ab, entweder explizit oder indem er in Stunden nur noch halb anwesend und kaum bemüht ist.
        Ich finde es übrigens absolut (!!) spitze, dass Du Psychologie studierst und in dieses Berufsfeld willst! DAs ist in den USA ja schon lange so, bei uns leider nicht.
        Darf ich noch was fragen: Was genau sind Deine Pläne für nach dem Studium? (Falls Du das in Deinem Blog wo erzählst – gerne ein Link!) alles LIebe schickt s.

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      6. Natürlich hast du keine Verpflichtung dir eine Therapie anzutun, wenn es gar nichts bringt. Und du hast absolut recht: Jeder ist letztendlich für sich selbst verantwortlich, aber Therapeuten sind auch nur Menschen und ich glaube ich könnte dieses Verantwortungsgefühl für den Patienten nicht ablegen. Vor allem, wenn es ja auch tatsächlich so sein kann, dass Menschen aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr für sich verantwortlich sein können. Dann müssen diese Menschen geschützt werden zb in geschlossenen Psychiatrien oder andere Menschen vor ihnen geschützt werden zb in der Forensik.
        So soweit kann ich meine vielleicht zukünftigen Kollegen in Schutz nehmen. Was ich aber kritisieren muss ist, dass gerade vor Gericht leider häufig den Psychologen zu schnell getraut werden. Das liegt unter anderem bestimmt daran, dass Polizei, Gericht und Psychologen oft eng zusammenarbeiten und da dann oft den Falschen geglaubt wird (ob die Aussagen bewusst falsch sind sei mal dahingestellt). Da hab ich schon von einigen Fehlgutachten im Podcast „Zeit: Verbrechen“ gehört, wo Kriminalfälle behandelt werden. Und weil du mich neugierig gemacht hast, hab ich jetzt auch mal nach Strafverfahren geguckt, die es gegen Psychotherapeuten gibt und bin nur auf große Fälle wie sexueller Missbrauch oder Drogenmissbrauch gestoßen. Jetzt weiß ich natürlich nicht, ob es ein „einfacher“ Schweigepflichtsverstoß nicht in die Medien schafft, ob nicht geklagt wird oder ob tatsächlich keine Konsequenzen bei Verstoß drohen.

        Noch zu deinen Wünschen: Ersteres können leider Therapeuten nicht (nur) ändern. Entweder wird eine solche Spezialisierung nicht erstrebenswert angeboten (Warum soll ich es mir schwer machen, wenn genug Leute mit „leichteren“ Diagnosen da sind? Die Ausbildung ist eh schon so lang und teuer!) Hier müsste im Psychotherapeutengesetz eine Regelung stattfinden, dass jedes Gebiet diese spezialisierten Therapeuten haben muss und es kein Überangebot (hier muss ich fast lachen, als gäbe es ein Überangebot an Therapeuten – besser wäre zusätzliche Spezialtherapeuten, aber die Kostenfrage…) an den klassischen Therapeuten gibt. In Punkt 2 muss ich dir vollkommen zustimmen. Ich kann noch gerade nachvollziehen, dass ein Therapeut einen Patienten nicht mehr behandeln kann oder möchte, aber es muss eine nahtlose Überstellung zu einem anderen Therapeuten stattfinden.

        Was ich später machen will ist noch nicht 100% sicher. Klar würde mich der Therapeutenberuf am meisten reizen. Aber ich weiß nicht, ob ich dazu stabil genug bin (vielleicht dann auch erst später) und ob ich die nötigen Kosten für die Ausbildung aufbringen kann. Ansonsten vielleicht auch in die Forschung der klinischen Psychologie oder Mitarbeiter bei Beratungsstellen. Forensische Psychologie finde ich auch sehr spannend, aber ich weiß nicht, ob das tatsächlich was für mich ist. Da würde ich gerne mal ein Praktikum machen.

        Liebe grüße

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      7. Nachtrag: Ich nehme wahr, dass Therapeuten eine (fast unglaublich) große Verantwortung ihren Patienten gegenüber FÜHLEN. Doch haben sie sie auch? Kannst Du mir einen niedergelassenen Therapeuten im dt. Raum nennen, der eine Klagssumme von mehr als 100 000 EUR in Summe „Verantwortung getragen“ hat? Oder überhaupt jemals irnendwie (finanziell) geradestehen musste? Kannst Du mir da namentlich irgendetwas nennen? Lernt man dazu was an der Uni? lg

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      8. Das ist genau das, was ich grade geschrieben habe mit der persönlichen Verantwortung. Man lernt therapeutische Vorschriften großteils erst in der Therapeutenausbildung. Ich studiere ja noch. Was ich weiß ist, dass man ein Jahr Freiheitsstrafe bekommen kann, wenn man sich nicht an die Schweigepflicht hält. Gerade junge Therapeuten werden auch entsprechend kontrolliert durch die Supervision. Auch vor Gericht gibt es klare Regeln, was man als Psychologe darf und was nicht. Man muss bei Fremd- oder Selbstgefährdung immer Behörden einschalten. Was die Strafen sind, die einem drohen, wenn man sich an diese Vorschriften nicht hält, weiß ich nicht. Was zb auch immer Pflicht des Therapeuten ist, ist die sorgfältige Aktenführung, die auch der Patient jederzeit einsehen darf. Mit einer Klage wirst du wahrscheinlich oft nicht so weit kommen, denn wenn zb die Eltern einen Therapeuten verklagen Schuld am Suizid ihrer Tochter zu haben lässt sich das so meist nicht nachweisen und wenn man hier alle Therapeuten aus dem Verkehr zieht die mal mit sowas zu tun haben, hast du keine mehr. Bist du auf Instagram unterwegs? Dann könnte ich dir zwei ausgebildete Psychotherapeutinen empfehlen, die da bestimmt mehr wissen: Lena Kuhlmann (freudmich) oder Anke Glasmayr (dietherapeutin). Fälle sind mir nicht bekannt, aber da bin ich, wie gesagt, auch (noch) zu wenig in der Materie drin. Ich kann dir nur sagen wie ich es empfinde: Ich bräuchte keine gesetzliche Verantwortung, mir scheint die persönliche schon groß genug. Und zum Schluss: Ich hatte bei meinen Therapeuten bisher immer das Gefühl, dass sie verantwortungsvoll gehandelt haben. Unter Therapeuten gibt es natürlich auch große Unterschiede. Liebe Grüße

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      9. Hallo Julia, danek für Deine Antwort. Therapeutische Worte habe ich schon viele gelesen zu gefühlter Verantwortung – ich suche wirklcih konkret EUR und Gerichtsurteile. Schweigepflicht wurde von Medizinern (nicht Therapeuten) mehrfach gebrochen – ich habe es nicht angezeigt. Heute würde ich das tun.
        Ich kann sagen, dass mir gegenüber in fast allen Fällen verantwortungsbewusst gehandelt wurde – aber dass der Umgang mit Diagnosen oft (nicht immer! meine Psychiaterin ist da sehr korrekt) unethisch ist und Verbraucherschutz einfach nicht beachtet wird – und zwar durchgängig nicht.
        Bei mir ist es umgekehrt: Ich bräuchte gar keine persönlcihe Verantwortung, für mich zählt nur die gesetzliche, die sich auch vor Gericht einklagen lässt – der Rest sind nur nette Worte.
        Ich weiß, Du bist erst in der Ausbildung… aber hast Du da Therapeuten kennengelernt, die von einer Patientin verklagt wurden (und da meine ich nicht für Selbstmord).
        lg s

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      10. Ich kenne selbst persönlich keine Therapeuten, die ich sowas fragen könnte. Ich glaube auch, ehrlich gesagt, dass es nicht häufig vorkommt. Aber das sind alles nur Vermutungen. Vielleicht könntest du hier mal deine Psychiaterin fragen, wenn du gut mit ihr klarkommst.

        Ich finde es auf jeden Fall sehr bereichernd, was du hier schreibst. Es zeigt wie unterschiedlich die Erwartungen von Menschen an Therapie sind. Ich hab zb dieses Bedürfnis nach gesetzlicher Verantwortung bisher nicht. Das kommt, glaube ich sehr stark auf die Erfahrungen an, die man in dem Kontext gemacht hat. Liebe Grüße

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