Online-Therapie – gut oder schlecht?

In letzter Zeit entstehen immer mehr Ansaätze, die versuchen eine psychotherapeutische Behandlung alleine durch das Internet anzubieten. Wenn ich mit meinen Kommilitonen im Psychologiestudium darüber spreche, kommt oft eine relativ negative Reaktion à la „Das kann niemals so gut sein wie eine echte Therapie!“ Klingt ein bisschen so als wären die angehenden Psychotherapeuten in ihrem Stolz verletzt, vielleicht bald durch Computer und Co. ersetzt zu werden. Ich selbst sehe in dieser Form der Behandlung sehr viel Potential, aber man muss aufpassen.

Der natürlich größte Vorteil einer Online-Therapie ist bestimmt der, dass auf einen Schlag sehr viel mehr Menschen Zugriff auf eine Behandlung ihrer psychischen Probleme hätten. Denke ich allein daran, dass ich einmal in der Stadt ein Jahr lang einen ambulanten Therapieplatz gesucht habe, möchte ich mir gar nicht vorstellen wie schwierig es in nicht so dicht besiedelten Gegenden ist.

Dass die Abrechnung einer Online-Therapie nicht von den Krankenkassen übernommen wird – berichtigt mich, falls ich falsch liege – macht das Ganze natürlich finanziell gesehen für viele schwierig.

Was auch noch gar nicht, zumindest mir nicht, so klar ist, was ich denn genau unter Online-Therapie zu verstehen habe. Wird schon das benutzen einer App als „Therapie“ bezeichnet. Wahrscheinlich nicht, da eine Psychotherapie auch nur durch Psychotherapeuten angeboten werden darf. Im Internet gibt es viele Coaches, da der Begriff nicht geschützt ist – ja, auch du darfst dich ohne jegliche Ausbildung „Coach“ nennen. Sie bieten Gespräche via Skype an. Manchmal zu erschwinglichen Preisen und auch nur für wenige Sitzungen. Aber bei manchen dieser Menschen bezweifle ich, dass sie mit suizidgefährdeten Menschen richtig umgehen können.

Ein starkes Gegenargument der Online-Therapie-Kritiker ist, dass die physische Präsenz fehlt. Gerade in einer Therapie ist es wichtig den Patienten ganzheitlich zu erfassen, mitsamt seiner Gestik und Mimik. Und ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber jeder Mensch hat eine gewisse Raumpräsenz, die über Videoanruf schwer zu erfassen ist.

Was wiederum viele „vom Fach“ übersehen, ist die menschliche Komponente. Dass, die Schwelle jemanden online anzuschreiben geringer ist, als tatsächlich zu einem Ortsgespräch aufzutauchen, weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich meine, bevor man sich „richtige Hilfe“ sucht, befragt doch heutzutage fast jeder zuerst Dr. Google.

Noch dazu sind alle im Stress und viele nehmen sich die Zeit nicht für eine Psychotherapie. Jede Woche eine Stunde klingt nicht viel, aber alle Therapieerfahrene wissen, eine Psychotherapie ist kein Termin, den mal einmal in der Woche abhakt, sondern eine Aufgabe mit der man jeden Tag beschäftigt ist, emotional und kognitiv. Sich einfach von zu Hause aus mit einer Person zu unterhalten, ist da für viele entspannter, wenn auch womöglich nicht weniger anstrengend.

Eine Online-Therapie bräuchte andere Regeln als eine Standard-Therapie. Wie gesagt müsste zuerst einmal die Qualität gesichert werden und nur Menschen mit entsprechender Ausbildung oder Kenntnis in der Thematik dazu befähigen, solche Angebote bereitstellen zu dürfen. Zusätzlich muss dem Patienten die Verbindlichkeit einer Online-Therapie bewusst sein. Mit einem Therapeuten, den man noch nie in „echt“ getroffen hat, lässt sich leichter der Kontakt abbrechen als bei einem wöchentlichen Vier-Augen-Gespräch.  Für solche Probleme müsste man einen Vertrag festlegen, der genau auflistet, was vom Patienten erwartet wird. Bei Regelverstoß wird die Therapie abgebrochen.

Zuletzt denke ich, dass bei vielen Therapeuten einfach eine Angst vor diesem ungewöhnlichen Arbeiten besteht. Das kann ich gut nachvollziehen. Vor allem, wenn man schon lange in dem Beruf arbeitet und entsprechende Erfahrungen hat, was funktioniert und was nicht. Bei einer Online-Therapie ist da dann vielleicht ein komplettes Umdenken nötig. Das kostet Zeit und Energie. Und warum etwas anders machen, wenn es doch jetzt auch funktioniert.

Trotz all der Punkte, die Online-Therapie in ein schlechtes Licht rücken, hoffe ich dennoch, dass diese Art der Therapie zunimmt. Auch, wenn es eine ideale Therapie nicht ersetzt, kann es eventuelle Wartezeiten auf eine solche überbrücken, Minderjährige können leichter nach Hilfe suchen und meiner Meinung nach ist, jegliche, auch die kleinste Hilfe, sinnvoller als gar keine Hilfe.


Was haltet ihr von Online-Therapie? Habt ihr vielleicht sogar schon Erfahrungen damit? Ich bin auf eure Antworten gespannt! 🙂


 

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12 Gedanken zu “Online-Therapie – gut oder schlecht?

  1. Ich muss zugeben, dass ich mich noch nicht allzuviel mit Online-Therapie beschäftigt habe aber mein erster Impuls ist auch sehr ablehnend! Ich glaube, dass gerade in einer Psychotherapie die Beziehungsgestaltung das A und O ist und ich bezweifle, dass das online so geht, wie face to face.
    Aber mh, für gewisse Situationen mag das vielleicht eine gute Alternative oder überhaupt Möglichkeit für therapeutische Gespräche sein, das wäre wünschenswert! Ich bin gespannt und werde mich mal ein bisschen belesen.

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  2. Ich denke Online-Psychotherapie hat Potenzial und gleichzeitig kann es eine ‚reale‘ Psychotherapie vor Ort nie ersetzen. Zur Überbrückung oder für die erste Kontaktaufnahme mit einem Therapeuten ist es durchaus geeignet. Vielleicht auch, wenn die eigenen Stunden ausgelaufen sind, keine weitere Genehmigung bewilligt wird und man alleine nicht klarkommt?!
    Ich weiß, dass die Barmer die online Psychotherapien der Schön-Kliniken trägt. Aber wie genau es funktioniert, ist mir gerade unbekannt 😉

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  3. Ich habe nicht die Muße nochmal alles bis ins Detail zu schreiben, da es echt viel war. Aber ich fasse die wichtigsten Sachen zusammen:

    In anderen Ländern ist Fernbehandlung Gang und Gäbe – z.B. Australien – und über die Wirksamkeit gibt es mehrere Studien.

    Seit das Fernbehandlungsverbot für Ärzte 2017 aufgeweicht wurde und da zur Zeit wieder die Diskussion läuft, einen Passus in die Verordnung zu bringen, die in etwa aussagt, dass eine Fernbehandlung zulässig ist, wenn der Arzt dies begründen kann, besteht die Hoffnung, dass sich auch irgendwann die Psychotherapeuten in dieser Richtung bewegen werden. Fachärzte dürfen nämlich schon eine Nachkontrolle via online-Sprechstunde durchführen und über die Krankenkasse abrechnen (Auch der Psychiater).

    Auch heute bieten einige gute Therapeuten Online-Therapiestunden an. Diejenigen, die hier wirklich sorgsam agieren, werden im Vorfeld immer mit dem Betroffenen zuerst einen Termin vereinbaren und ein persönliches Gespräch haben. Die Kosten können z.B. bei entsprechender Genehmigung über den FSM bezahlt werden (sofern man in die Gruppe derjenigen gehört, die dort Ansprüche gelten machen können).

    Aus der Betreuung und dem privaten Umfeld kenne ich Betroffene verschiedener Psychischer Störungen und Erkrankungen, die zum Teil ihr Pflegegeld oder Gelder aus dem OEG für solche Online-Therapien verwenden/verwendet haben.

    Die Erfahrungen dieser Klienten waren durchweg positiv, wenn es um Diplom-Psychologen (nein, ich meine keine Hokuspokus-ich-Pendel-dir-via-Skype-dein-Trauma-das-im-vorherigen-Leben-im-Jahre-siebzehnhundertdrölf-durch-Entführung-durch-ein-himmlisches-Wesen-entstand-Coach-Scharlatane und auch keine Apps) ging. So konnten Klienten mit Panik-Attacken z.B. im sicheren Zuhause Therapien machen und sich die Stabilität erarbeiten die sie für eine stationäre Therapie benötigten. DIS-Patientinnen konnten zusätzlich zur wöchentlichen ambulanten Termin abends nochmals Online-Therapien machen um den Alltag zu verarbeiten. So konnten sie die wöchentliche Stunde wirklich für die Trauma-Arbeit nutzen.

    Ablauf einer fachlich sorgsamen Psychotherapie:

    https://www.praxis-dr-shaw.de/online-therapie.php

    Allgemeine Informationen:

    https://www.tk.de/tk/themen/e-health-angebote/patientus/745886
    https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/politik/spiegel-entdeckt-online-sprechstunde-fuer-sich-telemedizin/

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