Studieren mit Essstörung

Vor Kurzem habe ich in meinem Beitrag Studieren mit Depression darüber berichtet wie ich während meines Psychologiestudiums mit depressiven Phasen umgegangen bin.

Heute soll´s noch einmal um mein Studium gehen. Dieses Mal unter dem Aspekt der Essstörung.

Das Essen

Als ich vor drei Jahren alleine in eine Wohnung gezogen bin, um zu studieren, hatte ich gerade stark mit Binge Eating zu kämpfen. So etwas wie regelmäßiges Essen gab es für mich nicht. Und da man als Student auch nicht gerade ein regelmäßiges Leben hat, glich mein Essverhalten einem puren Chaos.

Oft habe ich nur einmal am Abend richtig gegessen und ihr könnt euch vorstellen, dass die Mengen dann – ich sag´s mal so – dezent übertrieben waren. Ja, auch wenn ich den ganzen Tag über nicht viel gegessen hatte. Abgesehen davon, dass es für meinen Körper absolut nicht förderlich war eine einzige Mahlzeit pro Tag in mich reinzuschaufeln.

In der Uni passe ich mich auch heute noch sehr stark an. Das heißt ich esse, was die anderen essen und so viel wie die anderen. Das geht natürlich nur gut in der Mittagspause. Denn zu Mittag, das weiß auch eine Essgestörte, ist es normal zu essen. Da meine Kommilitonen nichts von meiner Erkrankung wussten, war es für mich um einiges einfacher vor ihnen zu essen. Mensa war also kein Problem.

Mir zwischen den Vorlesungen einen Snack zwischen die Zähne zu schieben ist da schon wesentlich schwieriger. Am Ende hab ich es dann einfach gelassen. Mittagessen check, alles andere wird weggelassen oder heimlich gegessen.

Apropos heimlich, am liebsten esse ich alleine. Auch, wenn ich keinen Fressanfall hatte, war das für mich die bevorzuge Essensweise. An einem Campus voller Menschen, gleicht dies jedoch einer Mammutaufgabe. Vor allem, weil man ja auch nicht asozial sein will. Sonst ist die Hälfte in mir wieder am Jammern, die einem immer quält mit: „Ich bin sooo allein!“

Der Leistungsdruck

Wer sich ein bisschen in der Welt des Studierens auskennt, weiß, dass ein Psychologiestudium eine Zulassungsbeschränkung hat. Anders ausgedrückt: Mit einem Abischnitt über 1,3 kommst du nicht rein und während des Studiums ist jede Note jenseits der 1,7 eine Katastrophe. Zumindest für einige. Denn um das Masterstudium zu machen braucht man ebenfalls einen Notenschnitt, der möglichst eine 1 vor dem Komma stehen hat.

Dementsprechend groß ist der Leistungsdruck. Man wird über Noten definiert und das ist, ganz klar, nicht gesundheitsförderlich. Besonders, wenn man so wie ich dem typischen Klischee einer Essgestörten entspricht: perfektionistisch und absolut leistungsorientiert. Während meiner Schulzeit, hatte ich keine Hobbies. Lernen und gute Noten waren alles für mich.

Erstaunlicherweise hat mir gerade diese Notenfixierung im Studium gezeigt wie irre das eigentlich ist. Anstrengen, klar! Aber um jeden Preis? Definitiv nein.

Ich verlange zwar noch immer viel, ok zu viel, von mir, aber dieses Streben nach der 1,0 in jedem Fach kommt mir nur noch verrückt vor.

Die Anderen

An der Uni sind viele hübsche junge Menschen. Im Psychologiestudium besonders viele von der weiblichen Sorte. Es gibt also jede Menge Möglichkeiten, seine Äußerlichkeiten mit anderen zu vergleichen. Das kann ich auch jetzt noch nicht ablegen. Es ändert nichts in meinem Verhalten. Ich bin zu jedem gleich nett oder auch nicht nett – je nachdem. Aber für meine Essstörung ist dieses Vergleichen bestes Futter.

Dass im Studium selbst auch öfter Essstörungen besprochen werden, ist es für mich immer wieder erstaunlich zu sehen, in welcher Bubble ich eigentlich wohne. Dass viele von Essanfällen noch gar nichts gehört haben, zeigt mir wie sehr ich mich schon an diesen Zustand gewöhnt habe. Die Essstörung hat sich in meinen Alltag integriert. Das ist alles andere als schön.

Nicht zuletzt, sollte man doch glauben, dass gerade Psychologiestudenten sehr verständnisvoll reagieren. Umso überraschter war ich einmal über die Aussage einer Kommilitonin. Sie meinte: „Essgestörte tun mir nicht leid!“ Als ich dann vorsichtig nachfrage warum (sie wusste nichts von meiner Erkrankung) kam nur die Antwort: „Naja, Depressive können zumindest nichts dafür.“ Ich war sprachlos.


 

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10 Gedanken zu “Studieren mit Essstörung

  1. Ich kann mich mit jeden Satz identifizieren! Das Essen im Studium war besonders zu Beginn der Uni eine wäre Herausforderung! Denn auch wenn man sich anpasst, bleibt es eine stresssituation, weil man sich entweder etwas erzwingt, oder hungrig bleibt!

    Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Psychologie studieren als psychisch Kranke – Lebenswelt

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