Soziale Phobie – was mir hilft

Zuletzt habe ich in meinen Beiträgen Depression – was mir hilft und Essstörung – was mir hilft über meine Strategien geschrieben, wie ich versuche mit diesen beiden Erkrankungen umzugehen. Setzen wir diese Reihe doch heute fort. Und zwar mit den Dingen, die mir helfen mit meiner Sozialen Angst umzugehen. Here we go!

  1. Anonymität

Ok, das ist mehr ein situativer Umstand als eine Coping-Strategie, aber trotzdem hilft es mir in der Masse unterzugehen. Ich wünsche mir immer so wenig wie möglich aufzufallen, am besten gleich unsichtbar zu sein. Und das kann man nun mal in einer Umgebung, wo mich niemand kennt am besten. Andererseits kann mich auch hier die Masse an Menschen heillos überfordern (siehe: Die Angst vor Menschen schlägt zu). Und alleine zu sein, wenn sich alle anderen kennen, ist auch nicht gerade angenehm. Aber ihr versteht schon was ich meine, oder?

  1. Erfahrung anderer

Das deckt sich mit meinem Depressionsbeitrag. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Das trifft bei mir auf jeden Fall zu. Besonders, wenn Menschen, von denen man überhaupt nicht denkt, dass sie mit so etwas wie einer Angststörung zu kämpfen haben, sich öffnen und darüber erzählen. Hier ist zum Beispiel das Buch vom ehemaligen Jupiter-Jones Sänger Tobias Müller „Ich bin mal eben wieder tot“ eine absolute Empfehlung.

  1. Atmen

Ich vergesse oft zu atmen. Oder besser gesagt, ich atme nur sehr flach. Ein paar tiefe Atemzüge helfen mir zumindest immer mich für einen gewissen Grad wieder ins Hier und Jetzt zu katapultieren. Außerdem ist es für die einfache Entspannungsmethode. Diesen „Skill“ kannst du nicht zu Hause vergessen. 😉

  1. Machen und aushalten

Manchmal kann ich mich noch so sehr versuchen mit Atmen, Meditation und Delfingesang meine Angst nach unten zu kriegen, es klappt einfach nicht. Dann heißt es für mich: Augen zu und durch! Der Gedanke, dass mich meine Angst bisher noch nie umgebracht hat, hilft mir meine Gedankenkreise kurz zu ignorieren und „einfach“ mal zu machen. Das ist in gewisser Weise eine Form der „radikalen Akzeptanz“.

  1. Flucht aus der Realität

Eine Strategie, die mir auf jeden Fall hilft, bei dir ich allerdings noch nicht so sicher bin, ob sie mir langfristig guttut. Dieses Thema hab ich schon mal in „Flucht zu den Gummibären“ angeschnitten. Ich bin der Ansicht, dass es bis zu einem gewissen Maße vollkommen notwendig ist mal aus der Realität auszusteigen und durchzuatmen. Für jeden. Andererseits, verliere ich mich schnell in einer Parallelwelt, von der ich mir einrede, dass sie besser ist als mein „echtes Leben“.


Kennt ihr soziale Ängste? Wenn ja, wie geht ihr damit um? Schreibt mir gerne eure Erfahrungen, denn geteiltes Leid ist halbes Leid – oh, das hatten wir ja schon! 😉


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13 Gedanken zu “Soziale Phobie – was mir hilft

  1. Richtig schlimm war es in meiner Jugend und zum Ende der Schulzeit hin. Es hatte damals Monate gedauert, bis ich mich irgendwie dazu überwinden konnte, endlich am Erste-Hilfe-Lehrgang für den Führerschein teilzunehmen. Geholfen hat mir dann tatsächlich der vierte Punkt deiner Aufzählung. Augen zu und durch. Gerade mit Beginn meiner Ausbildung – der Zwang der Berufsschule, so viele fremde Menschen, ich mittendrin, und der Ausweg der Anonymität logischerweise versperrt. Die ersten Wochen waren unglaublich schwer und ich hätte am liebsten abgebrochen. Aber mir war klar, dass ich da durch muss, denn ohne Ausbildung wäre ja nie etwas aus mir geworden. Bestandteil der Ausbildung waren, im Nachhinein muss ich sagen zu meinem Glück, monatliche „Azubi-Workshops“, bei denen wir Vorträge/Präsentationen gelernt haben – da war sogar immer ein Mental Coach dabei, der mir tatsächlich dabei geholfen hat, mit fremden Personen in einem Team zu arbeiten, Vorträge vor mehreren Personen zu halten etc.
    Dadurch ist eine gewisse Sicherheit entstanden und zusammen mit meinem privaten Coach in Form eines Hundes, kam ich generell auch mehr raus und konnte diese Berührungsängste ablegen – gleichgesinnten Menschen zu begegnen, direkt Gesprächsthemen zu haben, das war sehr hilfreich. Naja, und dann dieser emotionale Schutzwall, den ich aufgebaut habe und noch immer mit mir herumtrage. Der ist wahrscheinlich eine Mischung aus dem Wunsch nach Anonymität und der Flucht aus der Realität. Erleichtert zwar einerseits den Umgang mit der ein oder anderen sozialen Angst, lässt mich dafür aber oft sehr kühl und emotionslos wirken, was ich aber gar nicht bin. In dem Punkt schafft die „Lösung“ des einen Problems nur wieder ein neues…

    Was mir wirklich oft hilft, sind echte Freundschaften. In Begleitung von Menschen, denen ich zu 100% vertrauen kann (naja, 99%, zu 100% traue ich dank des genannten Walls leider niemandem), mache ich ohne Angst alles mögliche mit, solange es Dinge sind, die mir Spaß machen oder für die ich mich begeistern kann. Das ist auch direkt ein weiterer hilfreicher Punkt: Begeisterung für etwas. So kann ich z.B. auf riesige Stadion-Konzerte gehen, sogar alleine, ohne einen Anflug von Angst, weil mich die Musik begeistert und die Menschen dort ja auf eine Art genau so ticken, wie ich, während ich hingegen auf einem Jahrmarkt oder in einem Hallenbad wirklich Probleme bekomme…

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    1. Da hattest und hast du ja mit einer ganzen Menge zu kämpfen! Ich bewundere wirklich sehr wie du dich immer wieder deinen Ängsten gestellt hast und stellst!

      Das mit dem Mental Coach finde ich toll. So jemand sollte viel öfter bei solchen Workshops eingesetzt werden. Und, dass ein Hund bei sozialen Ängsten sehr hilfreich ist, kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich kenne es ja auch von mir selbst, dass mir vieles da draußen leichter fällt, wenn ich unseren Familienhund an meiner Seite habe. Leider sehe ich ihn nicht so häufig.

      Menschen sind für mich auch „Angstvertreiber“. Dabei muss ich allerdings aufpassen, dass ich mich von anderen nicht abhängig mache und sie immer brauche, um Dinge zu schaffen.

      Ich wünsche dir auf jeden Fall alles Gute!
      Julia 💜

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      1. Nach dieser Erfahrung betrachte ich solche Coaches auf jeden Fall sehr positiv. Anfangs stand ich dem ganzen sehr kritisch gegenüber, weil ich sowieso immer gleich eine gewisse Abwehrhaltung einnehme, wenn jemand anderes denkt, mein Innenleben einschätzen zu können. Oft fühlt es sich so an, als ginge es nur darum, Ursachen aufzudecken und aus mir einen anderen Menschen machen zu wollen. Dieses Coaching war völlig anders. Ich wurde einfach so akzeptiert, wie ich bin und es wurde auf sehr respekt- und verständnisvolle Weise erarbeitet, welcher Weg für mich am besten geeignet ist, wie ich es, ohne mich zu verstellen oder zu überfordern, schaffen kann, gewisse Ängste und Sorgen in den Griff zu bekommen.

        Was die Menschen als Angstvertreiber betrifft und die Gefahr, sich von ihnen abhängig zu machen, kann ich dir nur zustimmen. Es ist, und war vor allem, oft eine Gratwanderung, um nicht Gefahr zu laufen, mich allein gar nicht mehr vor die Tür zu wagen. Wichtig ist eine wohldosierte Mischung aus mehreren Faktoren, wie du sie aufgezählt hast, ohne dass dabei ein Punkt zu sehr dominiert.

        Auch dir weiterhin alles Gute!
        Chris

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      2. Ich finde, dass der Begriff Coach ja viel zu weitläufig verwendet wird. Ich stehe diesem Begriff eigentlich auch eher negativ gegenüber, denn ich habe dann oft die Leute im Kopf, die wie unter Strom auf einer Bühne vor tausenden Leuten stehen und „Just do it!“ in die Masse schreien. Sowas kann ich überhaupt nicht ab. Aber Coach kann ja auch sowas bedeuten wie du es beschreibst. Jemanden, der individuell auf einen eingeht und eine akzeptierende Haltung einnimmt.
        Liebe Grüße, Julia

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  2. Anonymität und in der Masse untergehen – das sind Dinge, die mir auch helfen. Insofern lässt sich in einer Großstadt gut untertauchen.
    Ansonsten erschöpft mich ein zu intensives Aussetzen verängstigender Situationen schnell körperlich bis hin zur Bettlägrigkeit, insofern bin ich da sehr vorsichtig auf dem schmalen Grat zwischen Überforderung und versuchter Rückkehr in ein soziales Leben unterwegs. Die Angst „wächst sich nicht aus“, wenn man sie ignoriert und immer wieder über die eigenen Grenzen geht – so jedenfalls ist das bei mir …

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    1. Deine Angst solltest du auf keinen Fall ignorieren, denn schließlich ist sie in uns angelegt, um uns vor Gefahren zu schützen (dh faktisch wärst du ohne Angst schon lange von einem Auto überfahren worden). Erst als ich das `begriffen´ hatte, hab ich mich mit meiner Angst soz. verbündet. Das war der erste Schritt, damit besser fertig zu werden.
      Jürgen aus Loy (PJP)

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      1. Hallo Jürgen, schon einmal schön zu lesen, dass Du inzwischen besser mit der Angst klarkommst. Dass Angst grundsätzlich nicht „böse“ ist, habe ich inzwischen auch begriffen und dass ich nicht eben mal mit Willenskraft meine Angst überwinden kann, leider auch. In der Therapie versuche ich die Ursachen für die Ängste zu analysieren – da bin ich theoretisch schon zu Erkenntnis gelangt – aber Du weißt sicher auch, dass das mit der Umsetzung ins reale Leben ein ganz anderer Schuh ist.
        Lieben Dank für Deine Antwort auf meinen Kommentar und alles Gute an Dich
        Agnes

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    2. Es tut mir leid zu hören, dass sich manche soziale Situationen bei dir so auswirken! Die körperliche Reaktion ist dabei Fluch und Segen zugleich, aber das hatten wir ja schon mal. Aber ich kann mir vorstellen, dass es echt anstrengend ist immer auf einem gewissen Grad zu wandern und nie genau zu wissen, wann es kippt. Und das „drübergehen“ über seine Ängste ist definitiv keine gute Idee. Sich immer wieder solchen Situationen auszusetzen in der Hoffnung, dass die Ängste weggehen, hilft bei mir auch nicht.

      Alles Liebe, Julia 💜

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      1. Liebe Julia, dabei ist das ja ärgerlicherweise eine oft genug geäußerte (und auch therapeutisch vertretene) Meinung – man müsse nur üben, sich den Situationen aussetzen, dann würde man lernen, dass die Angst unbegründet sei und sie würde verschwinden. Mag sein, dass das bei einigen klappt, aber leider ist es kein Patentrezept für alle …
        Liebe Grüße
        Agnes

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      2. Da hast du absolut recht! Ich bin dieser im Fachjargon genannten Konfrontationstherapie im Psychologiestudium schon so oft begegnet und es soll das Wundermittel bei Ängsten sein. Allerdings gibt es auch da Befunde, dass es nicht immer wirkt und ich meine das wissen wir aus eigener Erfahrung am besten. Ich finde da Ansätze wie radikale Akzeptanz oder Atemübungen für mich sinnvoller. Das ist alles eben sehr individuell und das übersehen sogar manche Therapeuten.
        Liebe Grüße, Julia 💜

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