Psychologie studieren als psychisch Kranke

„Psychologiestudenten haben doch alle einen an der Waffel!“

Mit diesem Vorurteil (oder doch der Wahrheit?) wurde ich bisher noch nicht konfrontiert, jedoch zählt es unter die Top 3 Vorurteile über Psychologiestudenten (neben „Du kannst bestimmt meine Gedanken lesen“ und „Wir sind alle die größten Streber“, weil man ja nur mit sehr gutem Abi-Schnitt Psychologie studieren kann.)

In meinem Fall kann ich nur sagen: „Ja, ich habe nicht mehr alle Tassen im Schrank!“, wenn man damit das Betroffen-Sein von psychischen Erkrankungen meint (meiner Meinung nach sind alle Menschen etwas verrückt 😉). Und ich glaube tatsächlich, dass der Anteil psychisch Erkrankter im Psychologiestudium höher ist als in anderen Studiengängen. Das wäre nur logisch. Denn, wenn man von etwas betroffen ist, steigt das Interesse daran.

Ein anderes Beispiel für dieses Interesse-wecken-durch-Konfrontation-mit-dem-Thema wäre, dass man sich erst mit Krebs auseinandersetzt, wenn man selbst oder eine nahestehende Person davon betroffen ist. Dann setzt man sich oft nicht nur mit der Symptomatik auseinander, sondern auch mit existierenden Hilfsorganisationen oder Spendenmöglichkeiten. Ein weniger tragisches Beispiel wäre ein Autokauf: Ich will ein Auto, deshalb habe ich großes Interesse an Autos und ich werde beinahe wahnsinnig, wenn ich mich auf der Straße bewege, weil jedes Auto sofort in mein Blickfeld fällt.

Lässt sich ein Psychologiestudium mit eigenen psychischen Erkrankungen vereinen?

Ich sehe hier Vorteile und Nachteile. Ein klarer Vorteil wäre zum Beispiel, dass einem viele Inhalte leichter fallen, weil man sie aus Erfahrung kennt. Andererseits kann es schwierig werden, wenn man sich selbst mit den Inhalten vergleicht und mehr über Erkrankungen erfährt, wo man dann leicht in Versuchung kommt sich selbst zu diagnostizieren. Man glaubt gar nicht wie viele Krankheitsbilder es gibt, die in irgendeiner Weise auf einen zutreffen. 😉 Ein Psychologiestudium ersetzt auf keinen Fall eine Therapie. Davon abgesehen behandelt das klassische Psychologiestudium so viele Inhalte, die gar keinen Bezug zu psychischen Erkrankungen ziehen. Ich sage nur Statistik. 😉

Eine psychische Erkrankung ist für jedes Studium eine gewisse Einschränkung.

Das erzähle ich genauer in diesen Beiträgen:

Bin ich überhaupt fähig später kranke Menschen zu behandeln?

Es gibt in der Psychologie viele Bereiche, wo man gar nicht oder nicht unmittelbar mit psychisch kranken Menschen zu tun hat. Dennoch strebe ich eine Tätigkeit an, wo das wahrscheinlich der Fall sein wird. Und hier bin ich absolut unsicher, ob ich es aushalte einerseits mit dem Leid anderer Menschen umzugehen und ob es mich andererseits nicht triggern könnte. Grundsätzlich sind meine Zweifel hier aber glaube ich nicht unbedingt größer als die von „gesunden“ Kommilitonen. Jeder hat eine Psyche und für jeden ist es schwierig immer mit den Sorgen und Problemen anderer Leute umzugehen und sich davon ausreichend zu distanzieren.

Es ist bestimmt eine Herausforderung, aber als Fazit möchte ich noch sagen, dass jeder für sich selbst entscheiden muss, ob man Psychologie studieren möchte, wenn man selbst an psychischen Erkrankungen leidet. Und: Es ist nicht unmöglich und wenn man es studieren möchte, dann ermutige ich jeden es auch zu tun!


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20 Gedanken zu “Psychologie studieren als psychisch Kranke

  1. Warum sollte das prinzipiell denn nicht gehen? – Wobei ich aber auch sagen muß, wenn ich im Job auf studierte Psychologen getroffen bin, dann hatte ich mehrheitlich auch den Eindruck, daß diese irgendwas zu kompensieren hätten. Wenn das so „raushängt“, finde ich’s schon ein wenig schwierig.

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    1. Ich habe tatsächlich auch schon eine Kommilitonin getroffen, die mir direkt gesagt hat, dass sie versucht sich mit dem Studium zu „heilen“. Das sehe ich, genauso wie du, ziemlich problematisch. Prinzipiell sollte es kein Problem sein mit einer psychischen Vorerkrankung therapeutisch zu arbeiten, wenn man stabil genug ist. Trotzdem bleiben irgendwo die Zweifel. Aber wahrscheinlich sind die letztendlich nicht größer als bei jedem anderen, der therapeutisch arbeiten möchte. Ich denke es ist immer eine Herausforderung sich mit den Schicksalen anderer auseinander zu setzen und dabei genügend gesunden Abstand davon zu nehmen. Alles Liebe 💜

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  2. Die mit dem größten „Knall“ sind wahrscheinlich die besten Therapeuten.

    Ich habe zwar „nur“ eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht und arbeite seit 4,5 Jahren in der Kita. Ich habe mich dadurch und durch das Beobachten mich selber kennengelernt und kann so sehr vieles verstehen. Und Verstehen ist die Grundvoraussetzung um Empathie und Vertrauen aufbauen zu können…

    Kinder spiegeln mir so oft mein Kind-Ich, dass ich dann immer davon ausgehe, was hätte ich in der Situation gebraucht.

    Ich hoffe, ich bin nicht schon wieder zu Wirr. Meine Gedanken rasen bei solchen Themen, dass ich mit dem Schreiben schlecht nachkomme.

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    1. Danke für deine Erfahrungen! Das hat mir tatsächlich gerade sehr geholfen! 💜
      Ich denke irgendwo ist es schon sowas wie eine Art Grundvoraussetzung, dass man sich mit sich selbst auseinandersetzt, um mit Menschen arbeiten zu können (dafür muss nicht unbedingt eine psychische Erkrankung vorliegen). Denn, wenn man sich selbst gar nicht versteht, wie soll man dann andere verstehen?
      Ich finde es auch schön, dass du die Situation mit den Kindern, die dein kindliches Ich spiegeln, so wendest, dass du den Kindern hilfst anstatt dich triggern zu lassen.
      Und mach dir keine Gedanken wegen des Schreibens: Ich komme sehr gut mit und falls ich mal was nicht verstehe frage ich nach. Gar kein Stress!
      Alles Liebe 💕

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  3. Liebe Julia,
    das klingt ein wenig nach Rechtfertigung. 😉 Jeder Mensch hat eine Schwachstelle und auch Leidenschaften, die er mehr oder weniger intensiviert bzw. mit Informationen füllt. Das ist was Gutes, sonst würden wir wahrscheinlich noch bei den Jägern und Sammler stecken. 😁
    Ich persönlich finde es stets toll, wenn man seine eigenen Erfahrungen an die Umwelt abgibt, um zu schützen oder eben aufzuklären. Da nun mal eine fundierte Ausbildung die Grundlage von offiziell angesehener Expertise bei uns im Lande ist, ist es ein ganz „normaler“ Verlauf. Alles im Leben und auch jeder Beruf hat sein Vor-/Nachteile. Sind Bäcker verrückt, weil sie mitten in der Nacht unsere Frühstücksgrundlage vorbereiten? Aus Sicht des Langeschläfers in mir, eindeutig – ja. 😂 Aber wir brauchen solche Menschen, die ihr Handwerk lieben und verstehen. Theoretisch ist so viel möglich. Aber die empathische Strecke bleibt oft leer.
    Du hast weder einen Sockenschuss, noch hast du einen Knall. Du willst helfen, sei es dir und anderen – das zählt bzw. das ist die Grundlage von all dem Guten, was du bewirkst.
    Meine Hochachtung für deine Offenheit und offenen Umgang mit deinen Gedanken und Zweifeln.
    Lass dich unterkriegen. Du machst alles richtig, denn du verfolgst deine Ziele und nicht die der anderen.
    Alles Liebe 😍
    Michaela

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      1. Oh weh, das wäre mein Untergang. 🤪 Nein, ich wünsche keinem etwas Schlechtes. 😍 Auch Julia nicht.
        Das heimliche Verschwinden von Wörtern ist eine unattraktive Macke von mir. Obwohl ich mir meine Texte vorm Absenden zig Mal durchlese, hauen die Buchstaben manchmal einfach ab. 😎 Vielleicht bin ich der Buchstabenschreck? 😂

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    1. Vielen vielen Dank für deine lieben Worte, Michaela! Was du schreibst bedeutet mir sehr viel! 💜 Ich bin so froh den Kontakt mit dir gefunden zu haben. 😘

      Und mir gefällt der Bäckervergleich unglaublich gut. Der kommt in mein Repertoire an Metaphern, wenn das für dich ok ist 😉.

      Liebe Grüße
      Julia 💕

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      1. Ich kann das Froh-sein nur zurückgeben. ❤
        Ja klar, ist das für mich ok. 😘 Machst ein Zitat draus. Vielleicht ist es irgendwann mal von Bedeutung. Ach, träumen ist erlaubt. 😀
        Liebe Grüße auch von mir 🌻
        Michaela

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    1. Das stimmt natürlich. Es kommt auf die Sichtweise an. Und mein Humor ist mein Coping-mechanismus Nr.1. Haha.
      Durchgeknallt klingt eigentlich ganz sympathisch. 😉 Den Artikel lese ich gerne! Liebe Grüße und noch einen schönen Restsonntag 💜

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  4. Liebe Julia,

    Ich bin grade ganz frisch auf deinem Blog gelandet und habe also noch ganz viel nachzulesen, aber hier wollte ich einfach doch schonmal kommentieren. 🙂
    Erstmal bin ich erstaunt und ziehe ich meinen Hut vor dir, wie offen du hier über dich schreibst. Das ist sicher für viele Menschen auch eine große Ermutigung!

    Zu deinem Beitrag:
    Du schriebst ja schon, dass man sich im Studium in allen möglichen Krankheiten wiederfindet oder zumindest einige Symptome davon bei sich erkennt. Das geht glaube ich allen so. 😉 Und zeigt ja auch, dass keiner von uns (weder von uns Psychologen, noch von uns Menschen generell) ganz „gesund“ ist.

    Ich glaube auch nicht, dass eine psychische Erkankung es ausschließt, später therapeutisch zu arbeiten. Ich finde es gut, dass du auf dem Gebiet vorsichtig bist und auch die Risiken siehst, die definitiv bestehen. In meinen verschiedenen Ausbildungen traf und treffe ich regelmäßig auf Leute, die mal wegen einer psychischen Erkankung in Behandlung waren. Es kann ja auch eine große Ressource sein, da man das Gegenüber und dessen Leiden nochmal auf einer Ebene nachvollziehen kann, die „immer gesunden“ Therapeuten nicht zur Verfügung steht. Ich denke, dass Patienten das durchaus spüren.
    Gleichzeitig wäre es natürlich wichtig, deine Baustellen bis du selbst therapierst so weit in den Griff zu bekommen, dass sie nicht für dich oder deinen Patienten zur Gefahr werden. Aber dazu ist ja die Ausbildung und die lange Lehrtherapie (das hängt natürlich auch vom Verfahren ab, das du wählst) auch da.
    (Ich hab noch gar nicht rausgefunden, ob du aktuell in irgendeiner Therapie bist… na, das kann ich bestimmt irgendwo nachlesen… :))

    An der Stelle also erstmal vielen Dank für deine Offenheit, ich lese gerne noch mehr!

    Viele Grüße,
    Jeca

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    1. Herzlich willkommen bei mir, Jeca! Und vielen Dank für deine lieben Worte! Das motiviert mich sehr!

      Ser interessant, dass du immer wieder Menschen begegnest, die selbst Erfahrung mit psychischen Erkrankungen haben und eine Ausbildung in die Richtung machen. Es verwundert mich nicht wirklich, es ist aber irgendwie etwas anderes das bestätigt zu bekommen.
      Und ich gebe dir absolut recht: Natürlich muss man selbst seine Baustellen soweit im Griff haben, dass sie bei der Arbeit mit Patienten weder einem selbst schaden und schon gar nicht den Patienten!

      Ich habe meine Therapie gerade abgeschlossen, da ich für mein Masterstudium umziehen werde. Ich fände es aber durchaus für mich sinnvoll eine neue Therapie zu beginnen. Vor allem würde mich mal eine andere Form der Therapie als Verhaltenstherapie reizen.

      Liebe Grüße und viel Spaß beim Lesen!
      Julia

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      1. Liebe Julia,

        Erstmal Danke für deine lieben Worte! 🙂
        Da ich ja selbst Psychologin bin und psychotherapeutisch tätig, begegnen mir die Menschen natürlich nicht nur bei der Arbeit und in der Ausbildung, sondern – das kennst du bestimmt auch – wildfremde Menschen erzählen dir, sobald sie mitkriegen, dass du irgendwas mit Psychologie zu tun hast, schnell ihre ganze Lebensgeschichte. 😉

        Ich ermutige dich sehr dazu, mal etwas Anderes als Verhaltenstherapie auszuprobieren! Ich komme ja selbst aus der psychodynamischen Ecke (jungianisch & transaktionsanalytisch) und finde es ehrlich gesagt erschreckend, wie sehr man auch an den Universitäten auf VT getrimmt wird. Mehr noch – alle anderen Verfahren werden ja entweder gar nicht behandelt oder als veraltet und „böse“ dargestellt. Das finde ich schade. Wer sich nicht wirklich aktiv um andere Informationen kümmert, bleibt dann in dieser „Blase“ (da sind die Blasen wieder…) stecken.
        VT hat natürlich definitiv ihr Gutes, aber du hast ja schon viel VT hinter dir und vielleicht könnte dir ein anderes Verfahren ja auch mal gut tun… 🙂

        Liebe Grüße nochmal!
        Jeca

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      2. Oh ja, es ist sogar mir als Psychologiestudentin schon passiert, dass Leute meinen ich hätte den perfekten Rat für sie. 😉

        Ich hasse dieses VT-Lastige auch sehr. Vor allem, weil so getan wird als wäre es das wirksamste. Dazu wurde halt viel Forschung betrieben, zu den anderen wenig. Natürlich ist dann VT am besten belegt. Es kommt hier wirklich sehr stark auf Eigeninitiative an. Auch ich lehne VT nicht ab, aber ich finde diese, zumindest in der Theorie, noch stark vorherrschende Trennung der Therapieschulen dem Patienten gegenüber nicht richtig. Jeder Patient braucht etwas anderes und es ist die Aufgabe des Therapeuten sich hier anpassen zu können und zu dürfen.

        Hab einen schönen Tag!
        Julia

        Gefällt 1 Person

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