Krankheitsgewinn, die Opferrolle und ich

Ich bin jemand, der Phasen hat, wo ich sehr bewusst Vorteile aus meinen Erkrankungen ziehe. Sei es, dass ich heute nicht so viel schaffe, weil meine depressive Symptomatik mir wie ein Klotz am Bein hängt oder, dass ich bei der Hitze nicht rausgehen kann (wohl eher will), da ich mich in meinem Körper und wenig Bekleidung so unwohl fühle.

Bis zu einem gewissen Grad schränken mich meine psychischen Probleme natürlich ein und machen mich in bestimmten Phasen weniger belastbar, aber ich bin mir sehr wohl bewusst, dass ich die „Opferrolle“ auch immer wieder sehr gezielt nutze. Oder besser gesagt in dem Moment, wo ich es tue, bin ich mir darüber nicht unbedingt bewusst, aber danach merke ich das sehr schnell. Das hält mich zurück und zeigt mir gleichzeitig wie wichtig meine Erkrankungen für mich sind, dass es mir manchmal gar so vorkommt als wäre ich ohne ihnen nichts. Das ist krankhaft, ich weiß! Ich schäme mich auch dafür.

Theoretisch ist das jedoch der klassische Nebeneffekt einer Erkrankung – Stichwort Krankheitsgewinn. Gerade psychische Erkrankungen haben unterschiedliche Nutzen für die Betroffenen, sei es, dass sie durch ihre Symptomatik eigene Probleme (kurzfristig) bewältigen oder dass sie von ihrem Umfeld Beachtung bekommen, die andernfalls, zumindest gefühlt, wegfallen würde. Aber auch körperliche Erkrankungen bringen diesen Krankheitsgewinn mit sich. In unserer Gesellschaft ist es zum Glück so, dass Kranke weitgehend geschont werden. Das ist gut so, aber bringt, so schlimm die Krankheit auch ist, auch einen Nutzen mit sich. Ich will jetzt hier aber nicht den möglichen Nutzen mit dem Leid aufwiegen. Was ich möchte ist sich dem bewusst zu werden, zu verstehen, was eine Erkrankung für einen tut.


Genauer erkläre ich den Krankheitsgewinn noch einmal in einem Video, wo ich auch darauf eingehe wie sich dieser Nutzen bei mir in der Essstörung zeigt:


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4 Gedanken zu “Krankheitsgewinn, die Opferrolle und ich

  1. Für mich bedeutet der Krankheitsgewinn, ich flüchte aus einer für mich untragbaren Situation oder vor einem Konflikt in die Symptome und bin somit nicht mehr verantwortlich für die Lösung meines Problems bzw. muss mich dem Konflikt nicht mehr stellen. Ich gebe Kontrolle ab, weil ich selber keine Kontrolle mehr ausüben kann. (Ich werde psychotisch). Das passiert allerdings nur sehr selten, da ich medikamentös gut eingestellt bin, aber meine erste Psychose hatte durchaus ihren Sinn darin. Jetzt ist es so, dass ich leichte Symptome entwickle, wenn ich überfordert bin, und berechtigen mich dann sozusagen kürzer zu treten.

    Somit kann ich sagen, es gibt durchaus einen Krankheitsgewinn für mich.

    Lg Katharina

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  2. Ich finde es mutig von dir, darüber zu schreiben. Nicht mutig nach außen (auch, aber nicht nur), sondern mutig dir selbst gegenüber.
    Ich habe deinen Beitrag gestern schon gelesen, aber er ging mir nicht aus dem Kopf. Und ich frage mich, welchen Nutzen meine Krankheit für mich hat, kann mich aber kaum damit anfreunden, dass sie _überhaupt_ einen hat – auch wenn eine Wisperstimme im Hinterkopf schon ein paar Punkte aufgezählt hat, die ich nicht hören will…
    lg Flügelwesen

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank, liebes Flügelwesen!
      Es ist ein wirklich schwieriges Thema und auch ich möchte diesen Nutzen oft nicht sehen. Es tut weh das anzunehmen und ich sträube mich viel zu oft dagegen. Aber ich bin mir sicher, dass du es irgendwann annehmen kannst, auch wenn es, wie bei mir, nur kurze Momente sind. Alles Liebe

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