Wie ich die Beziehung zu meiner Mutter zerstöre

Es gibt nur einen Menschen auf dieser Welt, mit dem ich ehrlich bin und während ich diese Worte schreibe, fällt mir auf, dass selbst das nicht 100% stimmt. Ich versuch es nochmal: Es gibt nur einen Menschen auf dieser Welt, mit dem ich ehrlicher bin als mit allen anderen: meine Mutter. Und selbst das war nicht immer so.

In meiner Familie wurde nie groß über Gefühle gesprochen oder darüber wie es einem geht. Das fällt mir natürlich erst rückblickend auf und ist absolut kein Vorwurf an irgendjemanden. Jeder ist wie er ist aufgrund seiner Vergangenheit. Trotzdem ist es eine Scheinwelt, die mir vorgespielt wurde, in der man nur positiv sein darf und Ängste oder Zweifel wenig Platz haben. Oder so empfand ich es zumindest. Wenn ich mich tatsächlich mal geöffnet habe, habe ich immer Unterstützung von meiner Mama bekommen – uneingeschränkt. Meine Mutter war immer für mich da und ist es immer noch. Das kann nicht jeder von sich behaupten und dafür bin ich sehr dankbar.

Meine Mama war immer eine starke Frau. Es gab, zumindest nach außen hin, nichts mit dem sie nicht fertig geworden wäre. Bis ich krank wurde. Ich erkrankte mit 11 das erste Mal an Magersucht und in dieser Zeit habe ich sie wütend gesehen und ich habe sie weinen gesehen. Zwei Dinge, die ich vorher nicht wirklich von ihr kannte. Das hat mich auf der einen Seite wachgerüttelt, was ich tatsächlich mit meinem Verhalten anrichte, aber andererseits auch erschreckt, weil ich gesehen habe, dass auch meine Mama unter großer Last brechen kann.

Nach der Scheidung mit meinem Vater und meinem zweiten Klinikaufenthalt, hat sich unser Verhältnis zum Positiven entwickelt. Das lag bestimmt auch daran, dass ich nun schon 18 war und sie das Gefühl hatte mir mehr zutrauen zu können. Wir begannen mehr über unsere Probleme zu sprechen, haben miteinander gelacht und geweint. Das hat das Band zu ihr immer stärker gemacht.

Die Schattenseite dieser innigen Beziehung ist, dass ich Angst habe, dass ich alleine bin, sollte meine Mama irgendwann nicht mehr leben. Das ist meine größte Angst. Ich habe viele Menschen, um mich herum, die mich lieben, aber ich kann mich ihnen gegenüber nicht so öffnen. Die meisten Verwandten und Bekannte wissen nichts von meinen Erkrankungen oder Problemen. Wenn ich es durchklingen lasse, relativiere ich aber immer sofort mit: „Ach, das wird schon wieder!“ Ich will nicht schwach sein – genau wie meine Mutter.

In letzter Zeit ist bei mit viel passiert (Warum mache ich das immer wieder? – Von Neuanfängen, Ängsten und Zweifeln) und mir geht es leider auch nicht so gut (Zeit sich wieder Hilfe zu holen?). Hier ist meine Mama mein Notfallsystem. Ich rufe sie an und heule mich bei ihr aus. Das führt dazu, dass sie mir (verständlicherweise) helfen will. Da ich aber in einem so instabilen Zustand absolut keine Hilfe annehmen will, ist es ein Teufelskreislauf, indem meine Mutter etwas vorschlägt und ich es abrupt ablehne, meist mit dem Argument, dass sowieso alles sinnlos sein. So drehen wir uns weiter bis meine Mama meint sie könne mir nicht helfen. Das macht mich noch trauriger und ich lege auf. Dann habe ich ein schlechtes Gewissen und rufe nicht an, bis es meine Mama tut. Was für mich die Situation noch schwerer macht ist die große räumliche Distanz zwischen uns. Ich würde mich oft so gerne in den Arm nehmen lassen.

Was ich mir erst vor Kurzem eingestanden habe ist die Tatsache, dass ich mich sehr oft in der Opferrollle darstelle, um die Aufmerksamkeit meiner Mutter zu bekommen. Nur, wenn es mir nicht gut geht hört sie mir zu und denkt an mich! Dass das Quatsch ist, weiß ich. Auch deshalb, weil ich sie am Telefon gefragt habe. Aber es bleibt die Angst: Werde ich noch geliebt, wenn es mir besser geht? Das klingt nach einer absurden Frage, denn ich selbst liebe eine Person ja nicht wegen ihrer Probleme, sondern trotz ihrer Probleme. Aber leider sind tief verankerte Glaubenssätze nicht so leicht aufzulösen.

Im Moment bestehen unsere Gespräche aus 5 Minuten belanglosem Gerede, weil ich abblocke und ihr nicht von meinen Problemen erzählen will – nicht immer wieder. Ich weiß, dass sie das mehr mitnimmt als ich mir wünsche und das möchte ich ihr nicht antun. Das klingt widersprüchlich zum vorherigen Absatz? Nicht wirklich. Denn selbst, wenn ich nichts sage, weiß meine Mama, dass es mir nicht gutgeht und ich bilde mir nur ein, dass es ihr hilft, wenn ich nichts sage. Diese Distanz, die von mir ausgeht, belastet mich sehr. Aber ich will nicht, dass jedes unserer Gespräche in Tränen endet.


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4 Gedanken zu “Wie ich die Beziehung zu meiner Mutter zerstöre

  1. C

    Ich glaube nicht, dass du die Beziehung zu deiner Mutter zerstörst. Ich weiß, wie das ist, wenn man jemand anderem nicht von seinen Problemen erzählen will, weil man weiß das der andere eh nicht helfen kann…aber ich denke nicht, dass so etwas eine Beziehung für immer kaputt machen kann. Erst recht nicht die zu einem Elternteil.
    Manchmal denke ich mir, vielleicht ist es auch in Ordnung, mal etwas nicht zu teilen, auch mit Leuten die man liebt. Manchmal. Aber sicher bin ich mir da auch nicht.
    Ich bin mir aber sicher, dass, solange man sich gern hat, eine Beziehung nicht einfach zerstört werden kann. Vielleicht wird sie schwieriger, vielleicht ist es eine verdammt harte Zeit. Aber wenn ich so lese was ihr alles schon zusammen durchgemacht habt, dann ist das sicher auch etwas, das ihr irgendwie meistern könnt.

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    1. Vielen Dank für deine ermutigenden Worte! Du hast bestimmt recht. So richtig zerstören werde ich die Beziehung nicht, aber es tut mir weh, dass ich der Faktor bin, der unsere Beziehung schwierig gestaltet (so empfinde ich es zumindest). Ich weiß auch nicht genau, wie viel man teilen soll und wann man vielleicht aufhören sollte. Gerade wenn ich daran denke, dass wir uns oft einfach nur im Kreis drehen, dann ist es vielleicht besser mal nichts zu sagen. Und gerade auch, wenn ich manchmal etwas das Gefühl abhängig von ihr zu sein, sollte ich vielleicht Abstand halten? Ich weiß es nicht, aber ich glaube auch, dass wir das irgendwie schaffen.

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