Warum ich meine Essstörungs-Tagebücher weggeworfen habe

Als ich mit elf Jahren erstmals an Magersucht erkrankte ging für mich alles unglaublich schnell und ehe ich mich versah fand ich mich in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie wieder. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass meine Eltern und die Ärzte mit der Einweisung richtig gehandelt haben, aber nur der Gedanke an diese Zeit lässt mich erstmal tief Luft holen. Ohne Untertreibung zählen diese knapp eineinhalb Monate zu den schlimmsten meines Lebens und definitiv war es das für mich einschneidenste Ereignis überhaupt. In dieser Zeit habe ich jeden Tag, schon fast zwanghaft, mehrere Seiten Tagebuch geschrieben. Doch leider besitze ich diese Tagebücher nicht mehr…

Zwei Jahre nach dem Klinikaufenthalt: Ich bin in meinem Kinderzimmer und räume auf. Als eine Freundin von Routine, wird mein Zimmer mindestens einmal im Jahr gründlichst von oben bis unten durchgeputzt. Mittlerweile habe ich wieder ein gesundes Gewicht und die Erinnerungen an den Psychiatrieaufenthalt treten langsam in den Hintergrund – ja, das Thema Essstörung wurde in meiner Familie seit damals richtig totgeschwiegen. Als ich beim Aufräumen auf meine Kliniktagebücher stoße, werde ich stutzig. Zu dem Zeitpunkt hatte ich sie bereits in der hintersten Ecke meines Schrankes verstaut. Als ich sie nun wieder in den Händen halte, bringen sie all die schmerzhaften Erinnerungen viel zu lebhaft zurück. Ich fühle mich überwältigt. Ich überlege nicht mehr lange und werfe sie zu dem Häufchen, dem ich den Titel „Müll“ zugeordnet habe.

Damals dachte ich, dass ich diesen Psychiatrieaufenthalt mit den Jahren irgendwann komplett vergessen haben werde. Ich stellte es mir tatsächlich so vor, dass diese Erinnerung ausradiert werden und ich nichts mehr darüber wissen würde. Aus heutiger Sicht würde ich diese Gedanken als äußerst naiv bezeichnen. Eigentlich sollte mir im Alter von ca. 13 klar sein, dass sich Erinnerungen nicht einfach so auf Wunsch wegzaubern lassen. Schließlich erinnerte ich mich ja auch an Erlebnisse aus meiner früheren Kindheit. Und die waren bei Weitem nicht so dramatisch für mich. Trotzdem blieb ich bei meiner Vorstellung der gelöschten Erinnerungen und hatte Angst, dass ich, wenn ich Erwachsen bin, zufällig auf diese Tagebücher stoßen könnte und alle Erinnerungen wieder aufflammen. Tja, liebes jüngeres Ich, das hat wohl nicht ganz so funktioniert – sagt dir dein heutiges Ich, während es munter auf seinem Blog über Essstörungen und Co. diese Geschichte abtippt.

Ich will meine 13-jährige Version aber auch nicht als dumm abstempeln. Klar, ärgert es mich heute die Tagebücher nicht mehr zu haben. Trotzdem kann ich nachvollziehen, warum ich es getan habe. Es war nicht mehr als eine Coping-Strategie, eine Möglichkeit mich selbst zu schützen. Ich hätte damals, aus meiner Sicht, mit niemandem darüber sprechen können und auch nicht wollen. Das Totschweigen meiner Vergangenheit (oha, klingt das dramatisch) hat mir zumindest vier Jahre gut gedient, bevor meine Essstörung wieder ausgebrochen ist. Ich kann hier auch niemandem einen Vorwurf machen. Vielleicht hätte ein erneutes Ausbrechen der Erkrankung durch Aufarbeitung verhindert werden können. Aber, wenn es mir nach außen hin gut zu gehen schien (und es war auch eigentlich ganz ok), dann sieht logischerweise niemand Handlungsbedarf. Und wie schon gesagt, zugelassen hätte ich es sowieso nicht.

Ich würde wirklich sehr gerne noch einmal einen Blick auf die Gedanken und Gefühle meines damaligen Ichs werfen. Ich würde gerne sehen, wo ich mich verändert habe, welche Muster sich bis heute durchziehen und mich beim Lesen auch immer wieder etwas fremdschämen, weil ich so akribisch kleinste Details festgehalten habe. Ich bin eigentlich jemand, der nicht wirklich an Gegenständen hängt, weil sie diese oder jene Erinnerung widerspiegeln. Meine Tagebücher sind jedoch offensichtlich eine Ausnahme.


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8 Gedanken zu “Warum ich meine Essstörungs-Tagebücher weggeworfen habe

  1. Tagebücher gehören zum persönlichsten. Da verwundert es nicht, wenn Du Dir wünschst sie doch noch ein bisschen bei Dir zu haben, ein wenig mehr als in der Version, die in Dir selbst erhalten geblieben ist.

    Egal, ob sie nun noch da wären oder eben nicht mehr da sind, eines, liebe Julia, brauchst und solltest Du nicht tun (wollen): Dich fremdschämen für das, was gewesen ist und wie Du es aufgeschrieben hast.

    Du warst ein 13jähriges Mädchen … so, wie ich Dich in und durch Deine(n) Zeilen hier wahrnehme, war dieses Mädchen eines, das viel Liebe gebraucht hat, vielleicht mehr, als es bekommen hat. – Ein Mädchen, das Orientierung gesucht hat und versuchte, das durch seine Reflexionen in seinen Tagebüchern zu unterstützen, bewusst oder unbewusst.

    Ich finde das sooo schön, so berührend. Da ist nichts, was zum (frenmd)schämen wäre …

    Ganz liebe Grüße an Dich! Ich wünsche Dir eine schöne, erholsame Osterzeit!

    Gefällt 2 Personen

    1. Das hast du sehr schön ausgedrückt und besonders die Sätze mit der Liebe und Orientierung haben mich sehr emotional gemacht. Ich würde gerade sehr gerne meinem damaligen Ich eine Umarmung geben und ihr sagen, dass sie gut ist wie sie ist und dass ich immer für sie da bin. Danke für diese Worte, die direkt ihren Weg in mein Herz gefunden haben!

      Ich wünsche auch dir noch eine schöne Osterzeit!

      Gefällt 1 Person

    1. Da hast du recht. Dass ich meine Tagebücher einmal vermissen würde daran habe ich damals auf keine Fall gedacht. Und leider sind auch tatsächlich noch recht viele Erinnerungen an diese Zeit da. Trotzdem wäre es interessant zu erfahren wie ich es damals wahrgenommen habe, denn ich denke, dass meine Erinnerungen heute doch stark verzehrt sind.
      Alles Liebe!

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo Julia,

    das mit den Tagebüchern kenne ich gut. Ich damals auch schon online geschrieben, mit 15, als meine Erkrankung ausbrach. Ich weiß nicht, wieviele Millionen Einträge ich noch auf meiner Festplatte gespeichert habe.

    Eine Zeitlang habe ich „gerne“ darin gelesen, mich wieder richtig einfühlt. Bis mir meine Therapeutin irgendwann klar machte, dass das nicht gut ist. Dass das nur eine Form des „Sich-selbst-bewusst-runterziehens“ ist. Dann habe ich damit aufgehört. Und nun seit über 10 Jahren nicht mehr angerührt. Und siehe da, ich glaube, viele Erinnerungen an damals sind tatsächlich verblasst, „verschwunden“. Ob das allerdings besser ist als Aufarbeitung ist eine ganz andere Frage.

    Alles Liebe!

    Gefällt 1 Person

    1. Das ist ja sehr interessant. An den Aspekt, dass frühere Tagebücher oder Einträge auch Dinge wieder aufwühlen könnten, habe ich noch gar nicht gedacht.

      Ich denke, dass es manchmal wichtig ist Dinge wieder zu vergessen. Es wäre unheimlich schwierig, wenn wir alles, was uns jemals passiert ist so genau erinnern könnten. Und so wie wir Menschen gemacht sind, sind das meistens leider eher die negativen Dinge, die wir uns immer wieder in Erinnerung holen.

      Ich bin ohnehin jemand, der sich sehr gerne in der Opfermentalität wiederfindet, weshalb es vielleicht ganz gut ist, dass ich nicht ständig Zugriff zu meinem leidenden damaligen Ich habe.

      Ganz liebe Grüße

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