Warum ich im Internet so offen spreche und im „echten“ Leben verschlossen bin

In der letzten Woche wurde ich von Außenstehenden, die von meinem Blog wissen (und das sind mittlerweile ungefähr eine Hand voll Menschen), ein paar Mal darauf angesprochen, warum ich denn im Internet so offen über meine (psychischen) Probleme sprechen kann und das im „echten“ Leben eher nicht so gern tue. Das war keineswegs als Vorwurf gemeint, sondern wurde mit dem Gedanken ausgesprochen, dass es für mich im Alltag dann ja wesentlich einfacher sein würde, wenn mein Umfeld von meinen Schwierigkeiten wüsste. Ja, aber…(Meine Uni-Seminarleiterin, die uns Gesprächsführungstechniken lehrt, würde mir für mein „ja, aber“ jetzt einen schiefen Blick zuwerfen.)

So einfach ist das leider nicht. Auch, wenn ich erst einmal überlegen musste, warum ich vergleichsweise sehr verschlossen in der „Realität“ agiere, sind mir letztendlich folgende Punkte eingefallen:

  1. Anonymität

Das ist eigentlich ein recht offensichtlicher Punkt, jedoch aufgrund der Tatsache, dass ich mein Gesicht im Internet öffentlich präsentiere auch wieder recht paradox. Vielleicht wiege ich mich in falscher Sicherheit zu sagen, dass mein Internetzeug unter meinem Klarnamen nicht gefunden wird. Das stimmt zwar soweit, aber Social-Media-Algorithmen haben die spaßige Eigenschaft, dass sie meinen Instagram-Account immer mal wieder Leuten aus der Uni vorschlagen, die mit mir auf meinem privaten Facebook-Profil befreundet sind. Dass mir dann Menschen folgen, die ich kenne, macht mich schon unsicher und, ich will nicht lügen, schränkt mich in meinem offenen Umgang stark ein, obwohl ich mich ja nie schlecht über andere Menschen äußere. Es sind einfach meine sozialen Ängste, die dann durchschlagen und bevor ich bewertet werde, teile ich lieber gar nichts. Trotz allem ist die Distanz zu meiner Person im Offline-Leben hilfreich, um mich offener äußern zu können.

  1. Verständnis

Die Anzahl an negativen Reaktionen, die ich bisher online erhalten habe, lässt sich an einer Hand abzählen – und selbst diese waren meist recht konstruktiv. Sprich, ich fühle mich auf meinen Plattformen verstanden, bekomme positive Rückmeldung und Zuspruch. Diese Tatsache hilft mir meinen Selbstwert zu steigern. Wie fast jedem anderen Menschen auch, ist es mir wichtig, Anerkennung von anderen zu bekommen. Da ich aber offline wenig davon bekomme (was großteils an meiner Zurückgezogenheit liegt), suche ich mir sie im Netz. Damit bin ich nicht nur in guter Gesellschaft (ich sage nur „Selbstdarstellung auf Instagram und Co.“), sondern habe tatsächlich schon viel für mich mitnehmen können durch hilfreiche Kommentare und liebes Feedback.

  1. Kontrolle

Klar, habe ich keine Kontrolle, was genau mit meinen veröffentlichten Inhalten gemacht wird, wer sie sieht, wo sie geteilt werden und was Leute alles damit anstellen. Aber, ich habe sehr wohl starke Kontrolle darüber wie ich auf Feedback reagiere, das mir in Form von Kommentaren gegeben wird. Wenn mich jemand kritisiert oder einfach nur seine Sicht der Dinge auf ein von mir angesprochenes Thema äußert, kann ich mir gut überlegen wie ich meine Antwort formuliere. Dass ich nicht unmittelbar reagieren muss, gibt mir große Sicherheit.

Trotz dieser Punkte, frage ich mich oft: Gehe ich zu weit? Könnte mir diese Offenheit irgendwann einmal schaden? Ist es heuchlerisch Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen zu wollen, aber trotzdem „da draußen“ nicht offen damit umzugehen?

Ich versuche immer wieder herauszufinden, wo meine Grenzen online sind. Ich muss zugeben, dass ich vieles, was ich am Anfang meiner „Bloggerkarriere“ geschrieben habe, so heute nicht mehr formulieren würde. Aber das zeigt für mich lediglich, dass ich mich weiterentwickle und dazulerne und aus diesem Grund möchte ich es auch nicht löschen. Ich stehe hinter dem, was ich im Internet schreibe und sage, auch wenn es vielleicht nur die Julia in diesem Moment so empfunden hat. Und jeder, der mir damit schaden möchte, den möchte ich sowieso nicht in meinem Leben haben. Ich will nicht ständig eine Zensur darüber legen, was ich sage und vielleicht hilft es mir auch meine Meinung im „echten“ Leben preiszugeben.

Und ja, ich wünsche mir Entstigmatisierung und die Tatsache, dass ich es so empfinde als könne ich noch nicht überall damit offen umgehen, zeigt, dass hier noch großer Handlungsbedarf besteht. Ich tue das, womit ich mich wohlfühle und gehe meine Schritte langsam, aber bestimmt, um irgendwann die Diskrepanz zwischen meiner Online-Welt und meinem „echten“ Leben kleiner werden zu lassen.

Wie seht ihr das? Gibt es für euch einen Unterschied zwischen eurer Online-Präsenz und eurer Offenheit im „realen“ Leben?

PS: Wenn ihr euch wundert, warum ich „Realität“ oder „echtes“ Leben unter Anführungszeichen setze, dann ist der einfache Grund, dass ich der Meinung bin, dass diese Lebensbereiche nicht so stark voneinander getrennt werden können und es somit nicht die eine Realität gibt und online nicht unbedingt weniger echt als offline ist.


► Mein Instagram-Account: www.instagram.com/julialebenswelt

► Mein YouTube Kanal: Julia Lebenswelt

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13 Gedanken zu “Warum ich im Internet so offen spreche und im „echten“ Leben verschlossen bin

  1. Sara

    Hey, ich kann dich da sehr gut verstehen, mir geht es ähnlich. Bin übrigens auch eine Sozialphobikerin. Ich denke der große Unterschied ist auch, dass man es schriftlich veröffentlicht. Und wie du es schon sagst, ist es auch die Distanz. Man erfährt keine persönliche Bewertung. Ich denke ganz oft auch, dass ich zu offen blogge. Im Alltäglichen Leben schaffe ich es teilweise nicht einmal die Frage wie geht es dir, ernsthaft mündlich zu beantworten. Oft ist es ja auch nur eine Floskel. Aber beim Schreiben bleibt einfach mehr Zeit zum Nachdenken, man kann „Worte zurück nehmen bzw. löschen“, dies ist ja beim Sprechen nicht so einfach möglich. Trotz Therapie bin ich mündlich zeitweise immer noch sehr verschlossen, bin allerdings auch schriftlich etwas zurückhaltender geworden. Aber die Reflexion ist mir nach wie vor wichtig. Ich finde das Schreiben ist eine sehr gute Ressource für verschlossene Menschen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen und wem das gelingt, der sollte das unbedingt nutzen!

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    1. Das hast du sehr schön gesagt und ich kann mich dem nur anschließen! Die Tatsache, dass man es schriftlich veröffentlicht, hat auch für mich etwas sehr Beruhigendes. Ich habe auch schon einmal YouTube-Videos gedreht bzw. bei einem Podcast als Gast mitgemacht und ich schaffe es auch nicht mehr mir diese Medien, wo ich mehr von mir zeige, im Nachhinein anzuhören/-sehen. Beim Schreiben funktioniert das. Ich kann mir meine ersten Beiträge noch ohne Probleme durchlesen. Und ich denke der Grund ist, wie du auch schreibst, diese Distanz, die über einen Blog größer ist als durch andere Medien oder gar im Offline-Leben.

      Ich finde es auch superschön, dass du für dich durch das Schreiben ebenfalls einen Weg gefunden hast dich auszudrücken! Das ist wirklich sehr viel wert und ich kann mich dir erneut nur anschließen, wenn du schreibst, dass man eine solche Ressource für sich unbedingt nutzen sollte!

      Ganz liebe Grüße

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  2. Nun, im Internet anonym schreiben zu können ist doch erst das Salz in der Suppe. Da kann man mal schreiben, was wirklich Sache ist. Sobald diese Anonymität aufgrund irgendwelcher Gesetze wegfallen sollte, wären meine Tage als Blogger wohl gezählt (wenn das meine Mutter liest!).
    Für mich ist Anonymität im Internet ein Grundrecht und überhaupt eine ziemlich grundlegende Geschichte und nicht verhandelbar. Sollte jemand anonym gegen irgendwelche Gesetze verstoßen, sollten die Blogbetreiber und Webhoster dafür zuständig sein, entsprechende Seiten zuzumachen.
    Was ich schreibe, diskutiere ich auch mit Leuten in meinem näheren Umfeld. Der Blog ist eigentlich nur noch die in Text gegossene Form des Ganzen. Tut einem halt gut, seine Gedanken zu ordnen. Wenn man dann noch Feedback von anderen Leuten bekommt, umso besser.

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    1. Für mich wäre es auch sehr schwierig, wenn mir sehr nahe stehende Personen meinen Blog lesen würden. Manchmal würde ich es mir wünschen, damit sie mich besser verstehen, aber alles ist ja auch nicht so wirklich für ihre Augen gedacht.

      Du hast mich nachdenklich gemacht mit deinen Worten. Vielleicht gibt es ja eigentlich auch gar keine so große Differenz zwischen dem, was ich im Offline-Leben sage und was ich online von mir preisgebe. Vielleicht ist es hier einfach nur etwas offener formuliert?

      Liebe Grüße

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  3. Du kannst dich selbst als verschiedene Teile deines selbst sehen, die alle zusammenarbeiten und sich gegenseitig beeinflussen.
    So auch dein „Online-Ich“ und dein „Offline-Ich“.
    Ja ich denke, wie du meinst – „die Kluft zwischen Online & Offline wird kleiner“ – Aber ich denke ebenfalls, dass sie immer bestehen bleibt!
    Es ist wohl auch ein wichtiger Teil für seine Selbstentwicklung. Und daran ist ja auch absolut nichts schlimm, dass man sich erst mal in eine „Sicheren & annonymen Rahmen“ aufbauen will. Und wenn du dich auf dieser Ebene wohl und sicher fühlst, ist das ein Teil in dir, der sich selbst erkennt und gerade durch diese Selbsterkenntnis, kannst du deine Gedanken nach und nach nach außen tragen (erst recht im realen Leben)!

    Und wenn dir eben deine Internetpräsenz dabei hilft, warum nicht 😉

    Das wars erst mal von mir.
    ~ schönes Wochenende

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    1. Danke für deinen Kommentar und deinen Zuspruch! Ich finde du hast es besser zusammengefasst als ich bezüglich der Online- vs. Offline-Welt. Ich denke nämlich auch, dass es nie komplett verschmelzen wird, sondern dass es viel mehr zwei Teile von einem sind und davon keines unbedingt weniger oder mehr echt sein muss. Wir alle bewegen uns in unterschiedlichen „Realitäten“ bzw. gehen mit unseren verschiedenen Anteilen durch die Welt. Ein weiteres Beispiel wäre, dass wir ja alle beim Träumen eine weitere Realität betreten, die, zumindest kognitiv, nicht unbedingt weniger echt ist.

      Liebe Grüße und dir ebenfalls noch ein schönes Restwochenende!

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  4. Mir geht es in einigem so wie Dir und auch der ersten Kommentatorin (Sara). Im mündlichen fühle ich mich schrecklich unsicher und vor allem im Konfliktfalle meinem Gegenüber nicht gewappnet, kann nicht formuieren, argumentieren usw (schon allein weil die Angst einfach das Hirn lahm legt). Schreibenderweise und im Blog ist das einfacher.
    Allerdings ist es inzwischen so, dass nahe und ferne Menschen vom Blog wissen bzw. potentiell leicht erfahren können und allein aus Schutz meiner Angehörigen (Kinder) halte mich mich mit allzu freimütigen Offenbarungen zurück, leugne aber weiterhin nicht meine Angststörung und die Depression.
    Herzliche Grüße zu Dir
    Agnes

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    1. Es tut gut zu hören, dass ich mit meinem Empfinden nicht alleine bin. Und ich finde es auch schön, dass dein Umfeld von deinem Blog weiß und du es nicht unbedingt geheim hältst. Es ist ja auch absolut nichts, wofür man sich schämen sollte. Das sage ich wahrscheinlich mehr zu mir als zu dir. 😉
      Ganz liebe Grüße
      Julia

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  5. Ich denke mal, es ist halt einfach für Dich ein sichereres Gefühl, wenn Du hier schreibst und das ist doch völlig okay so. – Daß Du Dir Deine Podcast- und Video- Auftritte nicht gern selbst ansiehst oder anhörst, finde ich hingegen völlig normal. Das ist der Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung. Ich erlebe das im Job öfter, daß andere Leute so reagieren, wenn sie sich dann mal hören. Meine eigenen „Werke“ höre ich mir durchaus gern an, höre sie aber auch ein wenig handwerklicher, weil ich auf andere Dinge achte dabei.
    Aber weißt Du, was ich an Deinem Beitrag am interessantesten finde? Das ist Deine aussage, daß Du erstmal überlegen mußtest, bis Du diese Argumente zusammengestellt hast. Das zeigt doch, daß rales und virtuelles Leben gar nicht so weit auseinander liegen, oder?
    Ganz liebe Grüße!

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar und deine Gedankenanstöße!

      Das stimmt! Sehr vielen Menschen fällt es erstmal schwer sich selbst zu hören oder auf Video zu sehen. Wir sind ja auch evolutionär gesehen nicht dazu gemacht unser eigenes Gesicht in irgendeiner Form zu sehen bzw. unsere Stimme zu hören. Und ich kann dir auch zustimmen, dass es hilft einen etwas handwerklicheren Blick auf die Dinge zu haben. Zum Beispiel hat es mir diese Ansicht möglich gemacht, meine YouTube-Videos zu schneiden. Ich fokussiere mich dann darauf, dass es nachvollziebar, knackig etc. ist und nicht unbedingt darauf wie ich jetzt aussehe. Zumindest bis zu einem gewissen Grad.

      Mmh…dass ich erst einmal überlegen musste, ist tatsächlich ein interessanter Punkt. Das lass ich mir noch mal durch den Kopf gehen. 😉

      Liebe Grüße
      Julia

      Gefällt 1 Person

      1. Zumindest werden unsere Ur- Ur- Urahnen einen gewaltigen Schreck bekommen haben, als der Spiegel erfunden worden ist. 🙂
        Im Audiobereich ist es halt eine Diskrepanz, ob man die eigene Stimme quasi durch den eigenen Klangkörper Schädel wahrnimmt oder sie in der Aufzeichnung extern hört.
        Und genau: beim Schnitt steht Anderes im Vordergrund 🙂

        Liebe Grüße auch an Dich!

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      2. Haha, ja das denke ich auch, dass die Erfindung des Spiegels erst einmal Schrecken ausgelöst hat. 😉

        Das stimmt. Man hört sich ja selbst immer komplett anders, als die anderen einen wahrnehmen. Dieser Gedanke, dass ich ja für andere auf Audio oder Video ganz „normal“ rüberkomme, weil sie mich schon immer so kennen, beruhigt mich auch ein bisschen. 🙂

        Gefällt 1 Person

  6. Pingback: Essstörung – K wie krank #1 – Happy Kalorie Blog

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