Warum ich von mir Großes verlange und andere einfach leben lasse

Ich kann leider nicht sagen, dass ich recht liebevoll mit mir umgehe. Da wäre zum einen die Sache, dass ich viel von mir verlange – viel zu viel. Ich sollte in allem eigentlich immer sofort besser sein als 99% aller Menschen. Zum anderen habe ich eine – nett ausgedrückt – schwierige Beziehung zu meinem Körper und mich wundert es regelmäßig, dass ich noch ziemlich beschwerdefrei durchs Leben wandere. Dazu bin ich konstant gestresst, weil ich immer denke dieses und jenes noch tun zu müssen. Spaß und Freude haben recht wenig Platz. Alles in allem also ein Lebensstil, den man nicht gerade mit „Self-Care“ betiteln würde.

Wenn andere mir erzählen, dass sie eine bestimmte Sache in ihrem Leben belastet oder ihnen irgendetwas nicht gut tut, bin ich meist schnell auf ihrer Seite und rate sich erstmal zurückzunehmen und auf sich zu achten. Schließlich ist körperliche sowie psychische Gesundheit das wichtigste. Ich unterstütze andere dabei auch mal nichts zu tun und nur ihren liebsten Aktivitäten nachzugehen. Erfolg ist überbewertet. Merkt ihr was?

Die Kluft wie ich mich selbst und wie ich andere behandle, könnte größer nicht sein. Ich erlaube anderen Menschen genau das, was mir gut täte. Ich verurteile mich selbst für Dinge, die ich bei anderen unterstütze. Kurz zusammengefasst: Meine Mitmenschen scheinen mir wichtiger zu sein als ich selbst.

Ich habe in meinem Leben gelernt, dass man sich immer zuerst um andere kümmert, bevor man seine eigenen Bedürfnisse befriedigt. Meine Familie ist ein Meister darin selbstlos zu sein, wenn es um ihnen wichtige Personen geht. Ich bin zwar selbst nicht unbedingt der Mensch, der jedem hilfeanbietend hinterherrennt, aber ich habe definitiv nie richtig gelernt, dass ich selbst wichtig bin. Und dieses Problem lässt sich leider nicht so leicht beheben. Da reicht es nicht, wenn ich auf Instagram und Co. immer wieder Posts lese wie „Du bist wertvoll“. Es zu lesen ist eine Sache, es zu glauben eine andere.

Zuerst ist es wichtig, dass mir überhaupt auffällt, wann ich wieder anderen etwas zugestehe, was ich mir selbst verbiete. Dafür muss ich mir immer wieder die Frage stellen: „Wie würde ich mit der Situation umgehen, wenn es jemand anderes wäre? Würde ich von demjenigen auch verlangen, was ich gerade von mir verlange?“ Und ihr erratet es schon. Meist ist die Antwort auf diese Frage „Nein“.

Da ich mich aber mein ganzes Leben über Leistung und Erfolg definiert habe, ist es schwer weniger zu verlangen. Und da ich leider auch viel zu oft in einem „Alles-oder-Nichts-Denken“ bin, ist es nicht „perfekt“ genug, von mir nur ein bisschen weniger zu verlangen. Entweder verlange ich fast schon übermenschliche Dinge von mir oder ich lasse es gleich bleiben, weil ich in kleinen Fortschritten keinen Sinn sehe.

In letzter Zeit versuche ich dieser destruktiven Art zu Denken und Handeln entgegenzuwirken, indem ich mit mir selbst spreche. Das ist nicht unbedingt etwas Neues, denn so oft wie ich mit mir selbst rede, könnten meine Nachbarn denken, dass tatsächlich zwei Menschen in meiner Wohnung leben. Neu ist jedoch, dass diese kritische Stimme und eine sich erst entwickelnde liebevolle Stimme miteinander im Dialog sind. Dieser therapeutische Ansatz sich selbst als unterschiedliche Anteile zu sehen, hat mir schon öfter geholfen. Die Hauptaufgabe der liebevollen Stimme ist eigentlich immer nur wiederholt zu fragen: „Würdest du von anderen das Gleiche verlangen als von dir selbst?“ Und wenn darauf ein „Nein“ folgt, dann ist es Zeit etwas zu ändern. Das ist dann allerdings der schwierigere Part…

Kennt ihr diese Art zu Denken auch? Und wenn ja, habt ihr einen Weg gefunden, damit umzugehen? 


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10 Gedanken zu “Warum ich von mir Großes verlange und andere einfach leben lasse

  1. Hey Julia, ich kenne das sehr gut, was du beschreibst 😉
    Bei mir gabs das erste Aufrütteln, als ich verstand, dass es dem anderen gar nicht dient, wenn ich mich ständig anders/schlechter behandle als ihn, weil dadurch ständig ein Ungleichgewicht in der Beziehung ist. Vielleicht fühlt der andere sich ja gar nicht wohl in der ihm zugewiesenen Position. Wenn er mich mag, dann möchte er mit mir auf Augenhöhe sein, wenn ich mich nun aber durch Selbstabwertung oder Überperfektionismus ständig dieser Ebene entziehe, dann fühlt er sich in seinem Beziehungswunsch vielleicht nicht ernst genommen. Ich hab das mal selbst mit einer Freundin erlebt, sie hat sich so heftig selbst schlecht gemacht, dass ich mich gekränkt fühlte, weil ich sie doch lieb hatte und es mir weh tat, wie sie mit sich umging.
    Was ich sagen möchte: Eigentlich wollen wir dem anderen ja einen Gefallen damit tun, ihn zu erhöhen, aber was ist, wenn wir dem anderen gar keinen Gefallen damit tun? Vielleicht fühlt sich der andere unter Druck gesetzt, wenn ich an mich selbst übertriebene Perfektionsansprüche habe usw.
    Natürlich ist es am besten, wenn ich meinen Selbstwert erkenne und deshalb mein Verhalten ändere, aber wenn ich es momentan noch nich für mich tun kann, dann tue ich es halt erstmal für den anderen, dass ich mich wertschätze! 😉 Kleiner Trick quasi!
    Ich fand auch den Satz hilfreich, dass ich dem anderen am meisten Freiheit gebe, er selbst zu sein, wenn auch ich ich selbst bin! Ich tue anderen Gutes, wenn ich mich selbst fair behandle und wertschätze!

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    1. Du erwähnst hier einen Punkt, an den ich tatsächlich noch nicht gedacht habe. Und ich kann auch sehr gut nachvollziehen, was du schreibst. Mir würde es ähnlich gehen, wenn sich jemand, der mir viel bedeutet, so schlecht machen würde. Ich finde auch den kleinen Trick einen recht guten Ansatz. Mal sehen wie er sich für mich anwenden lässt 😉
      Vielen Dank für diesen Gedankenanstoß!

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      1. Gerne! 🙂 Ja, manchmal muss man sich selbst erstmal gespiegelt bekommen, bevor man merkt, wie man sich verhält. So ging es mir jedenfalls mit dieser Freundin. Ich beschloss dann, dass ich so auf jeden Fall nicht mehr sein möchte und das war dann der Anfang der Veränderung! Also im Nachhinein eine heilsame Konfrontation! Wünsch dir viel Erfolg für deinen Weg!

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  2. Erstmal Hi 🙂
    Ich glaube ich habe zu dem Thema schon mal etwas auf einen Beitrag von dir verfasst (bin mir nicht mehr ganz sicher -.-)

    Auf jedenfall bin ich eigentlich der festen Überzeugung, dass JEDER auf eine gewisse Art und Weise dieses Problem hat. Ich glaube einfach nicht, dass du damit alleine bist.
    Ratschläge sind bei anderen immer leichter zu finden, als bei sich selbst. Außerdem – und das ist das wichtigere – geht es hierbei ja nicht nur um die Worte, es geht um das UMSETZEN! Du kannst zwar wissen, einer bestimmten Person diesen und jenen Ratschlag gegeben zu haben, doch wie willst du wissen, wie gut sie diesen umsetzt bzw. ob sie ihn überhaupt umsetzt. Und damit wären wir bei dir angekommen: Dir fällt es schwer deinen eigenen Ratschlag umzusetzen (denn kennnen tust du ihn ja anscheinend schon, tief in deinem inneren – sonst könntest du ihn ja nicht weitergeben!). Versetz dich mal in die andere Person hinein.

    Wenn du in ihrer Situation wärst – könntest du den Ratschlag einfach so umsetzen? – Wenn man genauer hinsieht, glaube ich das wohl kaum! [eigene Erfahrung]

    Man sagt, der Mensch hat alles Wissen, was er braucht, bereits in sich.
    Damit folgt: Es in die Tat umzusetzen und eine ERFAHRUNG daraus zu machen ist die Aufgabe hinter jedem Wissen.

    Und genau das – fällt JEDEN schwer.

    Glaub also nie, dass du die einzige bist, die das Wissen, was sie vermittelt, bei sich selbst nicht anwenden kann. Wir sind alles gleich 🙂 *lach*

    ~damit wünsche ich dir ein schönes restliches Wochenende. Ich hoffe für dich, du kannst auch ein wenig entspannen :3 // Liebe Grüße Ceyes.

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    1. Da hast du bestimmt recht. Das ist eine Sache, mit der viele Menschen zu tun haben. Ich bin auch davon überzeugt, dass Ratschläge geben und umsetzen zwei Paar Schuhe sind.

      Ich finde es trotzdem ganz gut sich vor Augen zu führen, dass man von keinem anderen Menschen so viel verlangt als von sich selbst. Denn, dann kann ich, weiter gedacht, auch davon ausgehen, dass andere auch von mir nicht so viel verlangen. Wenn ich bei der Annahme bleibe, dass es ein Phänomen ist, das viele Menschen betrifft 😉

      Du hast mir auf jeden Fall mit deinem Kommentar Druck genommen. Denn auch, wenn ich theoretisch weiß, dass es vielen Menschen so geht, braucht man diese Erinnerung immer wieder. Also, vielen Dank für die Erinnerung! 🙂

      Ich wünsche auch dir noch einen schönen entspannten Restsonntag!

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  3. Ich fiunde mich in Deinen Worten und Einschätzungen sehr wieder, liebe Julia. – Meine Motivation so zu sein, war weniger Erfolg zu haben, als mir im Spiegel so begegnen zu können, dass ich meinem eigenen Blick, durch den mich stets mein Gewissen anschaut, standzuhalten vermag.

    Mein Geweissen freilich ist, so habe ich es letztlich gefunden und dann auch immer so beschrieben, ein sehr gestrenger Wächter.

    In vielen meiner Therapiestunden wear das Thema – und also auch Selbstfürsorge.

    Was letztere betrifft, habe ich viel gelernt, und langsam, zunächst mühevoll, dann etwas weniger beschwerlich, ein paar Dinge umsetzen können. Bzw. ich bin bestrebt, das immer wieder zu tun, mich daran zu erinnern. – Nicht weniger aber auch nicht mehr.

    Ich bin kein anderer geworden. Was ich bin, ist zu sehr „innerlich“ zu sehr CHARAKTER geworden. Es hatte (zu) viel Zeit dafür. – Ich weiß, dass ich mir viel zu spät erst, Hilfe gesucht habe.

    Nun habe ich einiges über mich gelernt, über die Ursachen meines Ich und darüber, was mich wenigstens ein bisschen entlasten könnte.

    Das ist mir Hilfe. Ja. Aber heil hat es mich nicht gemacht. Das spüre ich in dieser Zeit ganz besonders, und nie war mir diese Erkenntnis gegenwärtiger und schien mir unumstößlicher.

    Ich tue was ich kann, aber mein Gewissen bleibt mein Gewissen.

    Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du besser einen Weg findest als ich, einen nachhaltigeren vor allem. Ich wünsche mir sehr, dass Du dabei nutzt, dass Du noch jung an Lebensjahren bist, dass Du viel früher begonnen hast, Dich entsprechend zu reflektieren, Dir Hilfe zu suchen.

    Du bist es sehr, sehr wert, fürsorglich behandelt zu werden. Nicht zuletzt von Dir selbst!

    Viele, liebe Grüße an Dich!

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    1. Deine Worte berühren mich immer sehr und ich bedanke mich für deine Offenheit!

      Ich denke, dass viele Dinge nie komplett heil werden können. Auch nicht, wenn man schon früh damit beginnt. Denn, eigentlich sollte schon dann begonnen werden, wenn noch keine Symptome auftreten. Das ist natürlich Wunschdenken, weil der Mensch so gestrickt ist, dass erst hingeschaut wird, wenn es einem schlecht geht – meist erst, wenn es einem sehr schlecht geht.

      Ich denke aber auch, dass man vieles Lernen kann und Entlastung ist auch schon ein großer Schritt. Aber, natürlich, wie du schreibst, eigentlich würde man sich mehr wünschen. Auch das ist menschlich.

      Ich glaube das wichtigste ist, sich immer wieder zu reflektieren, neue Hilfestellungen auszuprobieren und auch versuchen seine Fortschritte zu sehen. Besonders letzteres fällt mir immer noch recht schwer.

      Ich schicke dir ganz liebe Grüße!

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  4. Ich glaube, tendenziell tut man immer mehr für Andere (die einem nahe stehen) als für einen selbst. Es ist vielleicht eine Frage, wie stark diese Ungleichgewichtung ausfällt. Dein Weg, mit Dir selbst zu reden, hört sich dort gut an.
    Und ich glaube, wir hatten das schon mal beim Thema „Erfolg“ – wie definiert man den letztlich? Konkret ist es doch Erfolg, wenn Du erkennst, daß sich da was an Deiner Einstellung ändern läßt…

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    1. Ja, da hast du wahrscheinlch recht. Und auch mit dem Thema „Erfolg“ finde ich das, was du schreibst einen schönen Ansatz. Darauf seine Aufmerksamkeit zu lenken etwas zu verändern – wenn auch nur in kleinen Schritten – ist auf jeden Fall auch Erfolg.

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