Soziale Phobie – Warum ich leise, schnell und undeutlich spreche

Diese Woche habe ich ein sechswöchiges Praktikum begonnen und neben der Tatsache, dass es mir als Person mit sozialen Ängsten ohnehin unglaublich schwer fällt mit so vielen neuen Menschen und Situationen konfrontiert zu sein, habe ich auch bezüglich meines Sprachstils so einiges festgestellt.

Eigentlich bin ich sowieso eher die Zuhörerin als Sprecherin. Gerade, wenn mehr als eine Person anwesend ist, halte ich lieber meine Klappe und höre einfach zu, was die anderen zu sagen haben. Ich glaube, dass ich in einem Vier-Augen-Gespräch eine ganz nette Gesprächspartnerin bin, wenn ich mal etwas Vertrauen gefasst habe. Aber in größeren Gruppen möchte ich mich am liebsten unter den Gesprächen der anderen hinwegducken.

Und wenn ich dann doch mal irgendetwas sage, dann fühle ich mich so unter Druck gesetzt von den vielen Augen, die mich anstarren sobald ich meine Stimme erhebe, dass ich sehr oft gleich vergesse, was ich sagen wollte und drauflosstammle. Meist beschränken sich meine Wortbeiträge auf nur einige Sätze, wer von mir tatsächlich ganze Geschichten zu hören bekommt: Herzlichen Glückwunsch, du bist eine der wenigen Personen, mit denen ich mich sicher und wohl fühle!

Abgesehen von meiner grundsätzlichen Stammelei, spreche ich auch sehr leise, schnell und undeutlich. Das alles dient dazu möglichst schnell wieder den Fokus von mir wegzulenken und den Leuten keine Möglichkeit zu geben das von mir Gesagte zu bewerten. Dass ich auch mit meinem unverständlichen Gemurmel Aufmerksamkeit auf mich ziehe und die Leute über mich nachdenken, ist mir klar. Meist bleibt dadurch der Aufmerksamkeitsscheinwerfer sogar noch länger an mir kleben, weil die Leute nachfragen, wenn sie mich nicht verstehen.

Eigentlich ist es paradox. Während ich in sozialen Situationen krampfhaft versuche nicht aufzufallen, wünsche ich mit auf der anderen Seite nichts mehr als gehört zu werden. Ich trage in der Öffentlichkeit dunkle Kleidung, setze mich im Bus immer nah an den Ausgang, um schnell aussteigen zu können oder gehe am liebsten raus, wenn es regnet und die Straßen leer sind. Andererseits schreibe ich auf einem Blog über meine Gedanken und Gefühlen, habe schon YouTube-Videos gedreht oder Podcasts aufgenommen. Ich glaube im Unterschied zu Alltagssituationen kann ich mir hier sicherer sein, dass mir die Leute wirklich zuhören wollen. Wenn mein Blog für jemanden nicht mehr interessant ist, wird weggeklickt. Der Interviewer im Podcast hat mich explizit eingeladen, um was zu erzählen.

Da ich oft Schwierigkeiten mit dem Sprechen in sozialen Situationen habe, kommt mir manchmal der irrationale Gedanke, dass ich vielleicht gar nicht richtig sprechen kann. Dass das Quatsch ist, wird mir an vielen Punkten bewiesen. Zum Beispiel telefoniere ich mit meiner Familie oder Freundin stundenlang. Auch das Halten von Referaten fällt mir erstaunlicherweise recht leicht. Und das hat gar nicht so viel mit Vorbereitung zu tun, sondern viel mehr mit der Tatsache, dass ich hier schon gelernt habe (und es auch tatsächlich glaube), dass ich mir vertrauen kann. Seit der Grundschule habe ich bestimmt schon um die 50 Referate gehalten und das hat immer geklappt. Da checkt dann sogar mal mein Kopf, dass ich das auch beim nächsten Mal hinkriegen werde. 😉

Die Erfahrung, dass ich in manchen Situationen doch fähig bin den Raum für mich einzunehmen und nicht nur deutlich sprechen, sondern auch recht umfangreich erzählen kann, zeigt mir, dass es an meinem geringen Selbstwert liegt in fremden, unkontrollierten Situationen auf das Sprachniveau einer 5-Jährigen zurückzufallen. Die Angst von anderen negativ bewertet zu werden, lässt mich verstummen und auch wenn es von anderen auch als angenehm empfunden wird, dass ihnen jemand gut zuhört, ist es für mich doch sehr einschränkend.

Falls ihr ähnliche Erfahrungen gemacht habt, würde ich mich freuen, wenn ihr mir einen Kommentar schreibt und wir uns ein bisschen austauschen!


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10 Gedanken zu “Soziale Phobie – Warum ich leise, schnell und undeutlich spreche

  1. Mir geht es ähnlich wie dir. Ich meide dadurch häufig neue, mir unbekannte Situationen. Ich werde dann auch voll nervös und ängstlich. Referate hingegen waren kein Problem und wurden immer sehr positiv bewertet.
    Ich arbeite an mir… Versuche immer öfter mich zu überwinden.
    Jeder kleine Erfolg bringt mich weiter!

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  2. Stephan

    Das klingt ganz so als wärst du, sowie ich, ein eher introvertierter Mensch. Mir geht es auch ähnlich wie dir, aber das ist wohl eine Sache, mit der viele introvertierte Menschen in unserer, von extrovertierten Menschen dominierten Welt zu kämpfen haben. Wir mögen es nicht im Rampenlicht zu stehen und zuviele Reize überfordern uns. Deshalb kenne ich auch die Schwierigkeiten, von denen du schreibst. Man kann natürlich an sich arbeiten, aber ich für meinen Teil, werde nie ein lauter, (teilweise) oberflächlicher extrovertierter Mensch werden. Das könnte ich auch gar nicht. Ich brauche meine Zeit für mich, um meine Energiereserven wieder aufzufüllen. Es gibt einen guten Grund dafür, dass Menschen unterschiedliche Temperamente haben. Vielfalt erlaubt es auf viele Umweltbedingungen und Anforderungen zu reagieren und ermöglicht es uns als Menschheit zu überleben.

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke, für deinen Kommentar! Ja, es ist bestimmt etwas, woran man arbeiten kann. Aber solange man damit ganz gut zurecht kommt, sehe ich das wie du. Wir alle sind unterschiedlich und das ist gut so.

      Ich sehe es allerdings bei mir etwas problematisch, weil ich recht stark darunter leide. Ich bin introvertiert, keine Frage. Aber meine Ängste sind in sozialen Situationen so stark, dass es mir wirklich das Leben sehr schwer macht. Ich werde nie ein lauter Mensch werden, aber ich würde mir wünschen, dass mir normale Alltagssituationen etwas weniger Angst machen und ich zu dem stehen kann, was ich sage bzw. wenn ich etwas sage.

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  3. Da bist Du ja wieder! 🙂
    Ich denke auch – wie mein Vorredner hier – es ist eine Frage des Temperatmentes. Und es gibt halt auch introvertierte Leute, die sich ihre Zuhörer lieber aussuchen.
    Und Dich stelle ich mir übrigens als ganz angenehme Gesprächspartnerin im Vier- Augen- Gespräch vor, wenn ich das mal so anmerken darf.

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    1. Ja, nach der stressigen Klausurenphase habe ich endlich wieder Luft hier zu schreiben. 🙂

      Erstmal vielen Dank für deine lieben Worte! Temperament spielt hier bestimmt eine große Rolle und eher Zuhörer als Sprecher zu sein, ist wahrscheinlich auch ok. Ich denke, dass ich mir da wahrscheinlich, wie so oft, einen Kopf über etwas mache, was vielleicht gar nicht so schlimm ist für die anderen. Ich würde mich einfach nur gerne etwas sicherer fühlen, wenn ich etwas sage und dabei nicht vollkommen aus der Fassung geraten.

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  4. Lea

    Liebe Julia
    Vielen Dank für deinen Blog, bisher war ich immer eine stille Mitleserin. Ich kann dich gut verstehen, mir geht es sehr ähnlich. Situationen mit vielen fremden Menschen überfordern mich, ich würde mich dann am liebsten in Luft auflösen. Meistens wird es mit der Zeit besser, wenn ich in der Situation bleibe oder die Menschen besser kennenlerne. Als Kind litt ich sogar an selektivem Mutismus. Das Halten von Referaten geht bei mir auch erstaunlich gut, wahrscheinlich weil ich oft positive Rückmeldungungen erhalten habe. Trotzdem mache ich es nicht gerne und nach dem letzten Referat habe ich sicher eine halbe Stunde lang gezittert. Die Angst von anderen negativ bewertet zu werden schränkt mich ein.
    Ich finde, du kannst stolz sein, dass du dich immer wieder überwindest und gerade ein neues Praktikum begonnen hast.
    Ich wünsche dir alles Gute für deine Zukunft und hoffe wir finden einen Weg damit umzugehen und selbstbewusster zu werden.
    Ganz liebe Grüsse
    Lea

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    1. Liebe Lea,
      ich freue mich wirklich sehr über deinen Kommentar.

      Auch bei mir ist es so, dass sich soziale Situationen verbessern können, wenn ich mich etwas daran gewöhnt habe. Die Uni ist da für mich so ein Beispiel. Ich gehe zwar nicht voller Freude hin, aber mir ist der Ablauf bekannt und auch wie ich dort welchen Leuten begegne. Das macht es dann ertragbar. Aber neue fremde Menschen sind furchtbar, obwohl sie mir ja gar nichts tun. Die Leute hier im Praktikum sind alle supernett, aber das nützt leider trotzdem nichts.

      Es ist wirklich eine große Einschränkung immer Angst vor der Bewertung anderer zu haben. Ich wünsche uns auch, dass wir einen Weg finden damit umzugehen. Und wie du schreibst, ist es auch wichtig stolz auf das zu sein, was man erreicht. Auch wenn es für andere Kleinigkeiten sein mögen.
      Alles Gute
      Julia

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