Essen als Emotionskontrolle – das einzig wirksame Mittel

Essen hat für mich eine viel größere Bedeutung als die überlebensnotwendige Energiezufuhr. Über die Jahre hinweg, manifestiert in meiner Essstörung, ist die Nahrungsaufnahme zu einer „Lösung“ für alles geworden.

Viele Menschen verbinden Essen mit Genuss. Der Geschmack eines leckeren Essens löst positive Emotionen aus. So ist unser Gehirn gemacht. Wären wir als Höhlenmenschen nicht motiviert gewesen uns Nahrung zu suchen, würde es die Menschheit heute nicht geben. Die positiven Auswirkungen von Essen auf die Botenstoffe in unserem Körper haben uns dabei geholfen die mühsame Nahrungsbeschaffung auf uns zu nehmen. Dieses System besteht bis heute – auch wenn es in unserer westlichen von Lebensmitteln überschwemmten Welt nicht mehr unbedingt notwendig ist.

„Food: the good girl´s drug“, dieser Buchtitel von Sunny Sea Gold beschreibt in wenigen Worten perfekt meine Beziehung zum Essen. Ich habe die positiven Emotionen, die mit der Nahrungsaufnahme verbunden sind zweckentfremdet. Ich esse immer, wenn etwas nicht gut läuft. Ich bin gestresst vor einem Treffen mit neuen Menschen – ich esse. Ich sitze in meiner Wohnung, bin gelangweilt und allein – ich esse. Ich habe mich dazu überwunden an einem sozialen Event teilzunehmen und muss mich belohnen – ich esse. Sprich, ich ertrage keine Emotionen, egal ob positiv oder negativ, und essen hilft mir dabei sie zu unterdrücken.

Dass das natürlich langfristig eine, milde ausgedrückt, ungünstige Lösung darstellt ist mir durchaus bewusst. Ich ignoriere und  verachte mich mit jedem Bissen, der zur Betäubung meiner Empfindungen führt – von den körperlichen Schäden ganz zu schweigen. Ich fühle mich vollgestopft, ekelhaft und schwach.

Mittlerweile habe ich alle Tipps und Tricks, die es gibt, um dieses Verhalten zu stoppen, durch und nichts hat mir langfristig geholfen. Auch Psychotherapie hat dieses Problem für mich bisher nicht lösen können. Es geht immer darum, entweder die Emotionen auszuhalten oder einen Ersatz für das Essen zu finden. Wie kann man besser mit Schwierigkeiten umgehen ohne alles in sich reinzustopfen. Bisher habe ich aber noch nichts gefunden, was mir auch nur annähernd die gleiche Befriedigung gibt wie Essen.

Das klingt alles sehr negativ, aber es gibt auch Zeiten, wo ich Essen kaum als Coping-Mechanismus benutze. Wenn ich bei meiner Familie bin, lässt sich dieses destruktive Verhalten meist recht gut einstellen. Ich muss aber dazu sagen, dass dies meist Zeiträume sind, wo ich sehr wenig gestresst bin. Meine Familie füllt mein Bedürfnis nach sozialen Kontakten und nicht zuletzt ist hier auch Scham am Werk. Mir wäre es furchtbar peinlich, wenn mich jemand bei meinen Fressorgien erwischt.

Ich bin nach mittlerweile fast fünf Jahren sehr verzweifelt wie ich meine Essprobleme in den Griff bekommen soll. Ich weiß, dass ich theoretisch mit meinem Körper zusammenarbeiten soll, dass ich auf mich achten und meine dahinterliegenden Bedürfnisse befriedigen soll und dass ich wahrscheinlich etwas motivierter an die ganze Sache rangehen sollte. Aber das alles ist nur Theorie. In der Praxis sieht das leider sehr viel schwieriger aus.


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10 Gedanken zu “Essen als Emotionskontrolle – das einzig wirksame Mittel

  1. Hey!

    Ich denke, ich kann ein bisschen nachvollziehen, was du meinst, mit die schlechten Gefühle, etc. nicht aushalten und dann zu essen. Bei mir sind es andere Dinge, die ich dann mache/zu mir nehme, aber das Prinzip ist wohl ähnlich.

    Ich selber versuche, mir zu sagen, dass es Zeit braucht (oft halt viel Zeit), um vielleicht anders damit umzugehen. Und ich sage mir auch und glaube das eigentlich auch, dass nicht alle Psychotherapie, etc umsonst war, sondern dass es alles einen Sinn hatte und jeweils ein Aufbausteinchen fürs Nächste war/ist, ohne das der Prozess nicht so stattfinden könnte.

    Immer gut kann auch sein, wenn es vielleicht Menschen im Umfeld gibt, die an einen glauben (jetzt auch allgemein, wenn sie nichts vom wirklichen Problem wissen, aber sonst an dich als Menschen glauben). Jedenfalls versuche ich, wenn sie was Positives über mich sagen, ihnen das zu glauben und zumindest nicht grad ganz wegzukippen.

    Alles Gute!

    Liebe Grüsse

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    1. Das klingt tatsächlich so als wären wir uns in der Hinsicht recht ähnlich.

      Ja, das mit der Zeit ist auf jeden Fall eines meiner Probleme. Ich bleibe wahrscheinlich zu wenig lange dran, um die Fortschritte wahrnehmen zu können. Allerdings muss ich auch ehrlich sagen, dass ich nach fünf Jahren irgendwann keine Geduld mehr aufbringen möchte.

      Und dass ich viel zu schnell positive Dinge über mich hinten runter fallen lasse, ist auf jeden Fall richtig. Auch wenn ich hier schon etwas besser geworden bin 😉

      Liebe Grüße

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  2. Danke, liebe Julia, für diesen wieder so ehrlichen und offenen Artikel!
    Ich denke, zumindest in einem gewissen Rahmen kennt das jeder. Ich esse immer wieder, obwohl ich gar nicht essen müsste. Offenbar mit dem Unterschied zu dir, dass ich mir das erlaube. Ich schaue öfter ein Stück Kuchen oder eine Packung Chips, Schokolade, Eis etc. an und denke mir „Halloooo Ersatzbefriedigung!“ (für die nicht-Psycho-Leser: das hat nichts mit sexueller Befriedigung zu tun 😉 )
    Achtung, steile Hypothese und vielleicht auch völliger Blödsinn (dazu kenne ich dich einfach zu wenig), das ist jetzt kein offiziell fachlicher Rat 😉 : du schreibst, dass du bereits alles versucht hast, dieses Verhalten einzustellen. Oft ist es ja so, dass sich manches „Problemverhalten“ reduziert, wenn man sich selbst mit diesem Verhalten erstmal annimmt. Vielleicht geht es ja darum, es dir -in gewissem Rahmen- auch einfach zuzugestehen? Im Sinne von „Halloooo Ersatzbefriedigung“? Ich meine damit freilich keine Fressorgien grenzenlosen Ausmaßes, aber dein Beitrag klang ein bisschen so, als ob du gern rigoros bei „Null“ rauskommen möchtest.

    Ein für mich hilfreicher Umgang mit unangenehmen Gefühlen und Zuständen innerer Anspannung ist immer wieder die Musik oder das (expressive) Malen (dabei habe ich auch schon Pinsel zerstört 😉 😀 ). Bei beidem kann und soll gar nichts Schönes entstehen und genau das hilft mir, meinem Inneren Ausdruck zu verleihen…

    Alles Liebe für dich! Ich hoffe wirklich, dass du auf die ein oder andere Weise bald einen guten Umgang mit dem Thema findest!
    Jessica

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    1. Ich danke dir für deinen sehr interessanten Kommentar. Das kann sehr gut sein, dass ich mir dieses Verhalten gar nicht wirklich zugestehe. Ich hatte immer schon Schwierigkeiten Dinge zu akzeptieren. Es fehlt eine etwas liebensvollere Art mit mir umzugehen.

      Und womit du definitiv richtig liegst ist, dass ich viel zu stark in diesem Schwarz-Weiß-Denken bin. Wenn ich mir eine „Ersatzbefriedigung“ zugestehe, habe ich Schwierigkeiten damit aufzuhören, weil ich es als Fehler kategorisiere.

      Ich habe für mich auch festgestellt, dass mir Musik wahnsinnig hilft. Allerdings bin ich dann leider oft zu gefangen in meinem Denken und will immer alles „schön“ machen. Ich bräuchte etwas, wo ich nicht direkt nach richtig oder falsch kategorisieren kann. Obwohl ich glaube, dass mein Hirn sich bei jeder Tätigkeit eine vielleicht auch absurde Kategorisierung einfallen lässt. 😅

      Ich hoffe auch, dass ich für mich noch den richtigen Zugang finde.

      Liebe Grüße
      Julia

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  3. Im Prinzip geht es bei dem Verhalten doch um Selbstberuhigung, nicht?
    In der frühkindlichen Entwicklung benennt man es jedenfalls so.

    Den Mechanismus – oder vielmehr: Methoden zur Selbstberuhigung – lernen Kinder schon in einem sehr frühen Alter, und wie bei allem, kann eine solche Entwicklung auch schief gehen oder sich in eine Richtung entwickeln, die für den Betroffenen nicht gut ist.
    Gewöhnliche Sucht ist z. B. so eine Methode (Trinken, Rauchen).

    Im Grundschema ging es, glaube ich, bei allen solchen Bewältigungsstrategien darum, den Verlust des primären Bezugsobjektes zu kompensieren. Ob temporärer Verlust (z. B. Person verlässt kurz den Raum) oder die Realisierung eines generellen Verlusts (z. B. Person ist nicht nahbar, also keine gute Quelle von Fürsorge).

    Die Lösung zu solch einem ungesunden Muster wie unkontrolliertes Essen wäre also, eine bessere Coping-Strategie zur Gewohnheit zu machen – besser natürlich noch im Verbund damit, was man denn eigentlich versucht, damit auszuhalten. Was ist es, was so bedrohlich erscheint, und warum?
    Wäre jedenfalls – in aller Ruhe, wenn man mit sich selbst allein ist – wahrscheinlich einen Blick wert.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, ich denke auch, dass es dabei um Selbstberuhigung bzw. -befriedigung geht. Was du beschreibst ist die psychodynmaische Sicht auf den Menschen, die von Freud geprägt ist. Auch wenn ich diese Theorien manchmal etwas „abgefahren“ finde, glaube ich, dass sie im Kern richtig sind.

      Ich weiß nicht, ob ich es schaffen kann eine bessere Coping-Strategie zu finden. Das hat bisher nicht so gut funktioniert. Das dahinterliegende eigentliche Problem anzuschauen erscheint für mich schon sinnvoller.

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  4. Aushalten oder Ersatz suchen – aber Antwort 3 ist noch nicht in Sicht, hm? Und solang das so ist, wünsche ich Dir ein wenig Nachsicht mit Dir selbst. Vielleicht mag das schon ein wenig helfen, zumindest vom Gefühl her?
    Liebe Grüße!

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