Ich kann nicht vs. Ich will nicht

„Wenn man will kann man alles schaffen!“ So oder so ähnlich heißt es doch. Aber ist das tatsächlich so? Ich meine, wenn ich zum Beispiel unsichtbar werden will und mir nichts mehr auf der Welt wünsche, wird das vermutlich trotzdem nicht passieren. Ja, ja, ich weiß schon. Das ist nur ein Spruch, der einen motivieren soll, aber ich tu mir da manchmal echt schwer. Will ich einfach nur nicht? Heißt das, wenn ich mich endlich mal zusammenreiße, dann klappt es?

Dieser Weisheit alles schaffen zu können steht gegenüber, dass man sagt „Für eine Krankheit kannst du nichts!“ bzw. wird eine Krankheit oft als „Ausrede“ (?) dafür angeführt bestimmte Dinge nicht zu können. Da kann ich auch voll und ganz zustimmen. Einfaches Beispiel: Jemand, der im Rollstuhl sitzt, kann nie einen Marathon laufen, zumindest nicht auf konventionellem Wege.

Gehen wir aber zu psychischen Erkrankungen über, wird es da leider etwas komplizierter. Allgegenwärtig ist zum Beispiel das Vorurteil, dass die Menschen Depressiven an den Kopf werfen: „Reiß dich mal zusammen!“ oder „Das wird schon wieder!“ Bei Essstörungen ist das „Iss doch einfach mal normal!“ repräsentativ für dieses Problem des nicht Könnens bzw. nicht Wollens.

Sich „einfach“ normal zu verhalten, wenn man psychisch krank ist, ist absolut nicht von jetzt auf gleich möglich. ABER: Es spielt tatsächlich eine sehr große Rolle, ob man gesund werden will oder nicht. Ein Beispiel gefällig? Auch während meiner schlimmsten Magersuchtszeit konnte ich unter bestimmten Bedingungen relativ unauffällig essen, auch wenn ich todtraurig war, konnte ich in die Uni gehen und es mir nicht anmerken lassen. Ist das aber jetzt ein Beispiel für Willenskraft? Weiterlesen „Ich kann nicht vs. Ich will nicht“

Weihnachten mit Binge Eating – Teil 3

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Auf zum letzten Teil meiner Trilogie „Weihnachten mit Essstörung“.

Hier könnt ihr Teil 1 (Weihnachten mit Magersucht) und Teil 2 (Weihnachten zwischen Hungern und Fressen) lesen.

Weihnachten mit Binge Eating

Mittlerweile sind wir am Weihnachten vor zwei Jahren angelangt. Das war auch das erste Semester in dem ich zu studieren begonnen hatte und über die Weihnachtsferien nach Hause gefahren bin. Das habe ich auch dringend gebraucht. Das erste Unisemester war für mich sehr anstrengend. Nicht so sehr bezüglich der Anforderung, sondern vielmehr, weil ich in einem komplett neuen sozialen Umfeld war. Ich hatte zu dieser Zeit auch kurzfristig keine Therapie, was das Ganze nicht besser gemacht hat.

Dieses Weihnachten hatte ich mich also auf Entspannung zu Hause gefreut. Die bekam ich auch – plus heftigen Fressattacken. Weihnachten ist ja essenstechnisch ganz weit vorne. Das wissen wir alle. Also ein ziemlich gefährliches Umfeld sozusagen für jemanden mit einer Essanfallstörung. Weiterlesen „Weihnachten mit Binge Eating – Teil 3“

Kein Stress stresst mich

Ich hab ein klitzekleines Problemchen, wenn es darum geht das richtige Maß zu finden. Das bezieht sich bei mir auf fast alle Lebenslagen. Von allem gibt es ein individuelles zu viel und zu wenig: Essen, Schlaf, Arbeit, Pause, soziale Kontakte,…You get the idea!

Nun habe ich es zu meiner Lebensaufgabe gemacht diesen Mittelweg für mich irgendwie aufzutreiben. Bei manchen Dingen funktioniert das im Moment gerade ganz gut. Zum Beispiel bin ich echt von mir erstaunt wie gut ich in letzter Zeit die Uni handle. Dazu muss ich sagen, dass ich in der Schule das war, was man so als Streber bezeichnen konnte. Lernen war alles, Freizeit war überbewertet!

Über diese Phase bin ich Gott sei Dank hinweg. Ich gebe weiterhin mein bestes, aber bin bei weitem nicht mehr so verkrampft wie früher. Das liegt vielleicht auch daran, dass in einem Psychologiestudium großer Notendruck herrscht und somit auch ein starkes „Strebertum“. So wird mir praktisch jeden Tag vor Augen geführt, wie verrückt es ist, Zahlen, die möglichst nah an der 1,0 liegen, nachzurennen. Ich meine als wäre das das wichtigste im Leben!

In anderen Bereichen funktioniert das mit dem „Finde die Mitte“ leider noch nicht so gut. Da hätten wir zum einen die Sache mit dem Essen (was wir heute mal in eine Schublade stecken und erst wieder hervorholen, wenn es lieb darum bittet) und auf der anderen Seite die Sache mit meiner Do-To-Liste.

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by pixabay

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Weihnachten zwischen Hungern und Fressen – Teil 2

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Heute kommt der zweite Teil von Weihnachten mit Essstörung. In meinem ersten Teil ging es darum wie ich mit meiner Magersucht eines der schrecklichsten Weihnachten überhaupt erlebt habe. Dieses Mal soll es um das Weihnachten des darauffolgenden Jahres gehen.

Hier geht´s zu Teil 1.

Weihnachten zwischen Hungern und Fressen

Wir befinden uns drei Jahre in der Vergangenheit. Ich hatte im Sommer drei Monate Klinikaufenthalt hinter mich gebracht und war jetzt sozusagen in der Prüfphase: schaffe ich es zu Hause weiter zu essen oder falle ich erneut in das Loch von Hungern und wieder Hungern.

Dazu muss man sagen, dass ich zu der Zeit eigentlich nicht wirklich etwas zu tun hatte. Sprich ich war weder arbeiten, noch studierte ich. Und womit verbringt ein Essgestörter seine Zeit so? Jap, mit Denken an Essen bzw. nicht Essen. Getriggert von dem Essen, das ich mir in der Klinik erlauben durfte, war auch in der Adventzeit meine Lust auf Essen eindeutig vorhanden.

Das wollte ich jedoch nicht. Ich wollte weiterhin Kontrolle darüber behalten, was in meinem Magen landet und was nicht. Das war schwierig und der Heißhunger wurde immer heftiger. Auch verständlich. Mein Körper kämpfte ums reine überleben und das mittlerweile seit fast zwei Jahren. Weiterlesen „Weihnachten zwischen Hungern und Fressen – Teil 2“

Mein Wochenende im „Bunker“

Meine Wochenenden laufen im Grunde immer ähnlich ab: Nachdem ich am Freitag nach Hause komme, erledige ich noch solche Dinge wie einkaufen, putzen und Wäsche waschen. Und dann kommt es nicht selten vor, dass ich meine Wohnung erst am Montag wieder verlasse. Kein Scherz! Ich verbringe tatsächlich meine Wochenenden oft alleine in meinen vier Wänden.

Alleine Großteils deshalb, weil ich zum Studieren von zu Hause ausgezogen bin und meine durch das Studium kennengelernten „Freunde“ nur unter der Woche in der Stadt sind und am Wochenende nach Hause fahren. Dieses nach Hause fahren ist für mich nicht wirklich eine Option, da ich um die fünf Stunden nach Hause brauche.

Warum ich meine Wohnung nicht verlasse? Das hat zwei Gründe: Zum einen sehe ich nicht wirklich die Notwendigkeit das zu tun, wenn mich draußen nichts Spannendes erwartet. Zum anderen bin ich am liebsten zu Hause, geschützt vor dieser bösen Welt da draußen. Ich kann mich gut alleine beschäftigen und das auch echt lange.

Dass meine Therapeutin von diesem Verhalten nicht so begeistert ist, kann man sich vorstellen. Wenn man sich ganze zwei Tage in seinen Zimmern einsperrt, sei es kein Wunder, dass meine Stimmung eher den Weg nach unten antritt.

Und sie hat schon irgendwie recht. Es hat was von eingesperrt sein. Zumal ich auch nach einer gewissen Zeit in meiner „Höhle“ Angst habe diese wieder zu verlassen. Gewohnheitstier eben und meiner sozialen Angst hilft das auch nicht gerade. Auch meine Stimmung ist am Wochenende nicht die beste. Ich freue mich meist, wenn die Woche wieder anfängt und ich endlich wieder raus „darf“.

Aber warum zur Hölle gehe ich nicht vor die Tür, obwohl es mir doch offensichtlich durch mein Verkriechen nicht gut geht? Ganz ehrlich, das weiß ich selber nicht so genau. Ich könnte es mir damit erklären, dass ich einen relativ stark ausgeprägten Selbstschädigungsdrang habe und besonders während meiner Magersuchts-Phase mich immer bestraft habe, indem ich mir nicht die kleinste Freude erlaubt habe und Leiden für mich die Norm war. Weiterlesen „Mein Wochenende im „Bunker““

Weihnachten mit Magersucht – Teil 1

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Alle Jahre wieder, kommt nicht nur Weihnachten, sondern auch eine besondere Herausforderung für meine Essstörung. Zumindest war das die letzten vier Jahre so. Ich habe mir gedacht, dass ich euch, passend zur Jahreszeit, einmal erzähle wie sich meine Essstörung auf die letzten Weihnachten ausgewirkt hat. Und zwar in der dreiteiligen Reihe „Weihnachten mit Essstörung“.

Los geht es mit Teil 1:

Weihnachten mit Magersucht

Mittlerweile liegen schon vier Jahre zwischen diesem Weihnachten und dem heutigen Ich. Schon krass, dass es mir bei weitem noch nicht so lange her erscheint. Um euch ein Bild der Ausgangslage zu verschaffen, hier ein paar Sätze zu meiner damaligen Lage:

Dieses Weihnachten fand in meinem Abiturjahr statt und meine Magersucht befand sich am absoluten Höhepunkt. Meine Eltern, die mittlerweile geschieden leben, waren da noch unter einem Dach. Entsprechend angespannt war die Stimmung. Nichts mit einem schönen Familienfest. Weiterlesen „Weihnachten mit Magersucht – Teil 1“

Flucht zu den Gummibären

Ich bin ein halbes Kind. Oder vielleicht steckt gar noch mehr Kindheitsanteil in mir? Was ich am Kind sein so toll finde, habe ich schon einmal in einem Beitrag erklärt. Was das Problem daran ist, erkläre ich euch heute:

Ihr kennt bestimmt alle die Gummibärenbande, oder? Wenn nicht kläre ich euch mal auf: Das sind springende Bären, die in meiner Kindheit „hier und dort und überall“ im Fernsehen zu sehen waren (kleiner Insider am Rande 😉 ). Kurz gesagt: eine supersüße Zeichentrickserie.

Und ich feiere diese kleinen bunten Bären immer noch. Nicht nur, dass ich das Intro perfekt mitsingen kann, hin und wieder muss es auch mal sein, dass ich mir auf YouTube eine Folge der Gummibären reinziehe. Aus diesem „hin und wieder“ wird manchmal  zu „mindestens einer Folge pro Tag“.

Ähnliches Szenario für viele andere Serien, die ich in als Kind geschaut habe. Immer wieder rufe ich die schönen Erinnerungen meiner Kindheit damit hervor. Und, ist das jetzt schlimm? Weiterlesen „Flucht zu den Gummibären“