„Psyche? Hat doch jeder!“ von Lena Kuhlmann (Buchrezension)

Nach meiner ersten Buchrezension „Essstörungen. Was ist das? Das ABC der Magersucht, Ess-Brech-Sucht und Essanfallstörung“ kommt jetzt meine Meinung zum Buch „Psyche? Hat doch jeder!“ von der Bloggerkollegin und Psychotherapeutin Lena Kuhlmann.

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Inhalt

In dem Buch beschreibt Lena Kuhlmann, die übrigens auch auf Instagram (@freudmich) sehr aktiv ist, ihren Alltag als Psychotherapeutin, erkärt Hintergründe zum therapeutischen Ablauf und wirft einen genaueren Blick auf die Psyche, die jeder von uns besitzt. Außerdem versucht sie mit Vorurteilen und Stigmatisierung rund um psychische Erkrankungen aufzuräumen, indem sie nicht nur Fakten liefert, sondern auch sehr persönliche Einblicke gewährt (sie selbst leidet z.B. unter Flugangst) und auf Missstände im Gesundheitssystem hinweist. Zu den übersichtlichen Kapiteln gesellen sich Infos, Übungen und Fallbeispiele aus ihrer therapeutischen Erfahrung.

Meine Meinung zum Buch

„Psyche? Hat doch jeder!“ spricht viele ernste Themen an, jedoch bleibt das Buch doch sehr kurzweilig durch persönliche Anekdoten zum Schmunzeln und eine klare Schreibweise.

Was mir als Psychologiestudentin sehr gefallen hat ist, dass Lena Kuhlmann als tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapeutin ausführlich über diese Richtung der Psychotherapie berichtet, wenn sie von der Psyche oder ihrem beruflichen Alltag erzählt. Im Studium hört man nämlich meist nur von der verhaltenstherapeutischen Psychotherapie. Allerdings ist dieser Abschnitt im Buch vielleicht für Menschen, die so gar nichts mit Psychotherapie am Hut haben etwas schwer zu verstehen, da doch so einige Fachbegriffe fallen. Allerdings, glaube ich, kann dieser theoretische Hintergrund gar nicht einfacher erklärt werden. Ich habe mittlerweile drei Jahre Psychologie studiert und blicke immer noch nicht zu 100% durch. 😉

Weniger fachspezifisch, dafür umso wichtiger fand ich den Abschnitt, wo erklärt wird, wann unsere Psyche Hilfe braucht und an wen wir uns wenden können. Sie stellt vor wie eine Psychotherapie abläuft und welche verschiedenen Angebote es gibt und auch welche Schwierigkeiten man bei der Suche eines Therapieplatzes treffen kann. Dabei versucht sie nichts zu beschönigen, was sich grundsätzlich durchs Buch zieht und mir unglaublich sympathisch ist. Die Autorin betont immer wieder, dass auch sie schlechte Tage hat und immer wieder Schwierigkeiten hat – beruflich und privat. Ich mag ja Leute gar nicht, die Dinge predigen wie „Lebe jeden Tag als wäre es dein letzter“, deshalb fand ich diese Ehrlichkeit super.

Das Buch kann man als kleines Psycho 1×1 sehen, denn man findet neben wichtigen Infos zum therapeutischen Ablauf, auch Tipps für Angehörige psychisch Erkrankter, genauso wie einen Überblick über die wichtigsten Störungsbilder und Ratschläge wie man seine Psyche gesund halten kann. Da die Autorin selbst sehr stark in den sozialen Netzen unterwegs ist, wird auch der Einfluss der Medienwelt auf die Psyche immer mal wieder aufgegriffen.

Dieses Buch will aufräumen und aufklären

Ich denke, dass dieses Ziel definitiv erfüllt ist, denn um das Tabu um psychische Erkrankungen zu brechen, brauchen wir Mittel, die vor allem, die erreichen, die sich nicht gezwungenermaßen als Betroffener und Angehöriger damit auseinandersetzen. Dafür sind meiner Meinung Medien, die wir alle konsumieren, wie Musik, Bilder, Filme oder eben auch Bücher der richtige Weg.

Meine Highlights zum Schluss:

  • Bei der Beschreibung wichtiger Berufsgruppen für die Psyche wurden auch die Pflege- und Betreuungskräfte in stationären Einrichtungen angeführt. Das ist sehr wichtig, denn ihre Arbeit wird oft zu wenig gewürdigt, dabei sind sie, meiner Meinung, oft wichtiger als Ärzte oder Therapeuten, da sie es sind, die in Krisen zur Stelle sind – rund um die Uhr.
  • Auch, dass die Autorin dem Coaching und Heilpraktikerwesen kritisch gegenübersteht, kann ich nur unterschreiben. Gerade Coaches sind kritisch zu betrachten, da sich grundsätzlich jeder als Coach bezeichnen darf, weil dieser Begriff nicht durch eine entsprechende Ausbildung geschützt ist. Was nicht heißt, dass es nicht auch hier Perlen gibt!
  • Als jemand, der selbst Handlettering betreibt und auch gerne kleine „Doodles“ erstellt, wie man so schön im Englischen sagt, haben mich das Cover mit der Handlettering-Schrift und die kleinen Illustrationen am und im Buch sehr angesprochen.

Vielen Dank an den Verlag Eden Books für das Zusenden des Rezensionsexemplars! [Werbung]


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Erreichen wir auch die, die es nicht betrifft? Wie viel bringt Entstigmatisierungs-Arbeit?

Ich bin viel auf allen möglichen Social Media-Plattformen unterwegs und beobachte, dass immer mehr Menschen dort über psychische Erkrankungen sprechen, ihre Erfahrungen teilen oder auf professionellem Weg als Psychotherapeuten Aufklärungsarbeit betreiben. Sie alle haben den Wunsch Stigmatisierung rund um psychische Erkrankung zu bekämpfen! Sehr lobenswert, bin ich doch selbst auf diesem Pfad unterwegs. Aber:

Wie viel bringt das wirklich?

Wenn man sich unter solchen Posts die Kommentare durchliest wird deutlich, dass die Mehrheit dort selbst von psychischen Erkrankungen betroffen ist. Die meisten betreiben sogar selbst einen Account oder Blog, der sich um ähnliche Themen dreht. Das heißt, wenn ich z. B. über Vorurteile von Depression schreibe, erreiche ich damit Menschen, die mit solchen Vorurteilen tagtäglich zu kämpfen haben, nicht die, die solche Vorurteile Betroffenen an den Kopf werfen. Es ist eine eigene Community, die sich im Bereich „psychische Erkrankungen“ gebildet hat und diese Community ist meist recht klein.

Ist die Reichweite das Problem?

Wenn wir uns nun theoretisch vorstellen, dass alle Medien plötzlich auf diesen Zug mit aufspringen würden und gar keine Flucht vor diesen Themen mehr möglich ist, würden auch „Außenstehende“ damit konfrontiert werden. Würden sie zuhören? Ihre Meinung ändern? Sensibler mit dem Thema umgehen? Betroffene als weniger abnormal ansehen?

Ich weiß es nicht. Ich führe mit meiner Tante jedes Mal, wenn ich sie sehe, eine Diskussion zum Thema „Flüchtlinge und Co.“. Dabei weiß ich schon von Beginn an, dass diese Diskussion gar nichts bringt, denn sie beharrt auf ihrem Standpunkt („Wenn Flüchtlinge zu uns kommen, müssen sie sich anpassen.“) und ich auf meinem („Du musst viel mehr Aspekte miteinbeziehen als das, was du offensichtlich siehst.“) Es geht vor und zurück und obwohl wir beide den Standpunkt des anderen irgendwie verstehen können, bleibt jeder bei seiner Meinung. Das war jetzt ein anderes Thema, aber ein ähnlich stigmatisiertes und vorurteilbehaftetes wie psychische Erkrankungen. Und das ist in den „großen“ Medien tagtäglich Thema (was oft auch nicht so gut ist, aber das ist eine andere Geschichte).

Aber es gibt auch Positivbeispiele. Bis 1990 war Homosexualität eine anerkannte psychische Erkrankung. Mit allen Menschen, die sich hier eingesetzt haben, dass „die nicht traditionellen“ Sexualitäten anerkannt und respektiert werden, gibt es hier schon viel mehr Toleranz, die sogar schon in meinen kleinen Heimatort vorgedrungen ist (und das heißt was). Natürlich gibt es hier auch noch viele Baustellen, aber hier hat der Einsatz vieler Menschen für mehr Akzeptanz schon unglaublich viel erreicht.

Heißt das wir sollen alle nichts mehr tun?

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„Next to normal“ – die Darstellung psychischer Störungen als Musical

Letzte Woche war ich mit meiner Mutter in einem für mich ganz besonderen Musical:

Next to Normal – Fast normal.

Als Betroffene psychischer Erkrankungen und Psychologiestudentin kann ich mein Interesse an mentaler Gesundheit nicht leugnen und war sofort Feuer und Flamme als ich die Beschreibung des Musicals in einer Zeitung las, denn es geht – welch Überraschung – um psychische Probleme. Genauer gesagt um Depression, Bipolare Störung, Wahnvorstellung, Trauma, Selbstmord und Drogenabhängigkeit. Klingt auf den ersten Blick ganz schön heftig.


Kurz zum Inhalt

Es geht um eine Familie, Frau, Mann und Tochter, die versuchen mit einer nach außen hin ziemlich verschwiegenen Situation klarzukommen. Die Frau leidet seit dem plötzlichen Tod ihres 8-Monate alten Sohnes an rezidivierenden depressiven und manischen Episoden kombiniert mit visuellen Wahnvorstellungen, in welchen ihr der verstorbene Sohn begegnet. Ihr Mann versucht seine Frau zu unterstützen und ihr zu helfen den gemeinsamen Verlust, der bereits fast 18 Jahre her ist,  zu verkraften. Zudem hat das Paar eine 17-Jahre alte Tochter, die sehr damit zu kämpfen hat von ihrer Mutter zu wenig Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen, da sie im Schatten des verstorbenen Sohnes steht.  Sie flüchtet sich regelmäßig in Alkohol, Drogen und Partys, um ihre familiäre Situation zu ertragen.

Im Laufe des Musicals sieht man wie die Mutter verschiedene Behandlungsmethoden ausprobiert, um ihren Erkrankungen Herr zu werden. Begonnen wird mit einer medikamentösen Behandlung, hin zur Psychotherapie und nach gescheiterten Behandlungsversuchen, die in einem Selbstmordversuch enden, unterzieht sie sich einer Elektrokonvulsionstherapie. Zudem folgen familiäre Veränderungen, um jeden einzelne Person der Familie auf einen besseren Weg zu bringen.

Hier ein kleiner Einblick in das Musical mit einem kurzen Trailer: Weiterlesen „„Next to normal“ – die Darstellung psychischer Störungen als Musical“